Zivilprozess, Urteil 06.04.2001 / Teil 2

Landgericht Karlsruhe

Im Namen des Volkes - Urteil

2.

Die beiden am Tatort aufgefundenen abgerissenen Fingerlinge von Einweghandschuhen lassen nach Auffassung der Kammer keinen zwingenden Schluss auf die Täterschaft des Beklagten zu.

1. Am Tatort wurden zwei abgerissene Fingerlinge von Einweghandschuhen gesichert, und zwar im Bett (Asservat TO 11 ) und im Flur (Asservat TO 20). Wie der Zeuge KHK Perplies mitteilte, lag ein Fingerling im Flur zwischen dem Kinderzimmer und dem Schlafzimmer an der gegenüberliegenden Wandseite zur Kellertür. Der andere Fingerling wurde beim Zurückschlagen der Bettdecke in der Mitte der linken Betthälfte aufgefunden.

2. Die Fingerlinge wurden in dem gegen den Beklagten geführten Strafverfahren auf eine etwaige Materialgleichheit und daraufhin untersucht, ob sie bestimmten Fingern zugeordnet werden können.

a) Nach dem Untersuchungsbericht des Sachverständigen Dr. Karpf des Landeskriminalamtes Baden-Württemberg vom 13.01.1998 (Strafakte, Band VI, AS 709 ff.) wurden die beiden Fingerlingteile einer materialvergleichenden Untersuchung unterzogen. Hierbei wurde festgestellt, dass es sich um stark weichmacherhaltiges PVC (Polyvinylchlorid) handele. Der Sachverständige hat weiterhin festgestellt, dass zwischen beiden Fingerlingteilen Materialgleichheit bestehe.

b) Die beiden Fingerlinge wurden ferner daraufhin untersucht, ob sie aufgrund ihrer Größe bzw. Form bestimmten Fingern zugeordnet werden können. Im Untersuchungsbericht des Sachverständigen Dr. Kugler des Landeskriminalamtes Baden-Württemberg vom 15.01.1998 (Strafakte, Band VI, AS 717 ff.) wurde ein Vergleich mit am dortigen Institut verwendeten Einmal-Untersuchungshandschuhen aus Vinyl durchgeführt. Der Fingerling Asservat TO 11 (aufgefunden im Schlafzimmer) ergebe danach die beste Übereinstimmung mit Fingern von Vergleichshandschuhen der Größe "mittel" mit - soweit möglich - folgender Priorisierung: Zeigefinger. Ringfinger. Mittelfinger. Hinsichtlich des abgetrennten Fingerlings Asservat TO 20 (aufgefunden im Flur) spreche die Form am ehesten für einen Daumen und die Größe für die Eingruppierung "groß". wobei insoweit ausweislich des Gutachtens kein Vergleichsstück vorhanden gewesen sei.

c) Aufgrund dieser Feststellungen kann nicht mit Gewißheit davon ausgegangen werden, dass es sich um Fingerlingteile von ein und demselben Einweghandschuh handelt. Vielmehr erscheint es danach wahrscheinlicher, dass die Fingerlinge von zwei materialgleichen Einweghandschuhen unterschiedlicher Größe stammen.

3. An den beiden abgerissenen Fingerlingen TO 11 und TO 20 wurden an den Außenseiten Hautpartikelspuren gesichert, die in dem gegen den Beklagten geführten Strafverfahren durch den Sachverständigen Dr. Förster beim kriminaltechnischen Institut des Landeskriminalamtes Baden-Württemberg einer DNA-Analyse unterzogen wurden.

a) Die durch Dr. Förster durchgeführte DNA-Analyse hat folgendes Ergebnis erbracht, wobei zur Gegenüberstellung auch die Genotypen sämtlicher Vergleichspersonen mit aufgeführt sind, die im Rahmen des hiesigen Prozesses in die Untersuchung mit einbezogen wurden (vgl. dazu unten Ziff. 4 a):

System Spur TO11 (außen) Andrea W. Harry Wörz Kai W. Wolfgang Z. Thomas H. G.S. M.P. Daniela H.
D1S80 18/28 18/28 18/28 --- 18 18/24 --- --- (<15/18/24)
FES 11 11 10 --- 11 10/11 --- --- 12
vWA 16/17 16/17 17 16/17 15/17 16/17 18 16/19 15/19
FGA 18/23 18/23 22/25 23/25 20/23 20/22 22/23 22/24 (20/22/23) 24/25
SE33 (29.2)/30.2 (29.2)/
30.2
20/
25.2
25.2/
30.2
29.2/30.2 24.2/30.2 18/
30.2
26.2/30.2 15/21.2
TH01 9/9.3 9/9.3 6/9.3 9/9.3 9 9/9.3 8/9.3 9.3 9/9.3

Unterstrichene Befunde sind besonders stark.

Eingeklammerte Befunde sind nicht voll beweisfähig.

System Spur TO20
(außen)
Andrea W. Harry Wörz Kai W. Wolfgang Z. Thomas H. G.S. M.P. Daniela H.
D1S80 18/28 18/28 18/28 --- 18 18/24 --- --- (<15/18/24)
FES 11 11 10 --- 11 10/11 --- --- 12
vWA 16/17 16/17 17 16/17 15/17 16/17 18 16/19 15/19
FGA 18/22/23 18/23 22/25 23/25 20/23 20/22 22/23 22/24 (20/22/23) 24/25
SE33 24.2/25.2/
(29.2)/30.2
(29.2)/
30.2
20/
25.2
25.2/
30.2
29.2/30.2 24.2/30.2 18/
30.2
26.2/30.2 15/21.2
TH01 9/9.3 9/9.3 6/9.3 9/9.3 9 9/9.3 8/9.3 9.3 9/9.3

Unterstrichene Befunde sind besonders stark.

Eingeklammerte Befunde sind nicht voll beweisfähig.

b) Die im Rahmen des gegen den Beklagten geführten Strafverfahrens von dem Sachverständigen Dr. Förster des Landeskriminalamtes Baden-Württemberg erstatteten DNA-Gutachten wurden in ihrem formalen Ergebnis von dem Beklagten nicht angegriffen. Der Beklagte bestreitet lediglich, dass sich hieraus Rückschlüsse auf seine Täterschaft ergäben.

c) Ausweislich des Untersuchungsberichtes des Sachverständigen Dr. Förster vom 22.07.1997 (Strafakte, Ordner l, Ziff. III, AS 237 ff. bzw. Ordner KT-Maßnahmen, Ziff. 12, AS 543 ff.) zeigt der Vliesabrieb des Fingerabschnitts TO 11 (gefunden im Bett) auf der Außenseite ausschließlich die Merkmale des Tatopfers und keinerlei Hinweise auf einen zweiten Verursacher der Zellantragungen. Der Fingerabschnitt TO 20 (gefunden im Flur) zeige auf seiner Außenseite wiederum die Merkmale des Tatopfers und weitere Merkmale. Es handele sich insoweit um eine Mischspur. Die Klägerin komme daher in beiden Fällen als Mitspurenverursacherin der auf beiden Fingerlingen an den Außenseiten gesicherten Hautspuren in Betracht. Im Bericht vom 28.08.1997 (Strafakte, Ordner l, Ziff. III, AS 271 ff. bzw. Ordner KT-Maßnahmen, Ziff. 12, AS 569 ff.) führt der Sachverständige Dr. Förster zu der Außenseite des Asservates TO 20 ergänzend aus, dass die Klägerin mit größter Wahrscheinlichkeit Hauptspurenverursacherin dieser Mischspur sei. Die weiteren gefundenen Merkmale, die nicht von der Klägerin stammen könnten, fänden sich bei den Blutproben des Beklagten, des Thomas H. und des Wolfgang Z.. Umgekehrt fänden sich aber von keiner der drei letztgenannten Personen alle Merkmale auf der Außenseite des Asservates wieder. Da sich die Spurenmenge an der Nachweisgrenze bewege, könnten diese Personen nicht als Spurenverursacher ausgeschlossen werden, es seien aber aus den Befunden auch keine eindeutigen Hinweise auf deren Spurenlegerschaft abzuleiten.

4. An den Innenseiten der beiden abgerissenen Fingerlinge wurde ebenfalls zellkernhaltiges Material gesichert und einer DNA-Analyse unterzogen.

a) Im Strafverfahren gegen den Beklagten wurden in die DNA-Analyse folgende Personen einbezogen: die Klägerin, der Beklagte, Wolfgang Z., Thomas H. und Daniela H.. Die Analyse bezüglich Daniela H. erfolgte aufgrund Vergleichsblutes aus einer Damenbinde, die in der Wohnung der Eheleute Heim sichergestellt wurde. Die Staatsanwaltschaft Karlsruhe - Zweigstelle Pforzheim - veranlasste im Verlauf des vorliegenden Zivilprozesses eine DNA-Analyse der beiden als Zeugen vernommenen Polizeibeamten PHK Sommer und KHK Perplies, deren Ergebnis von der Klägerin in den Prozess eingeführt wurde (Band l, AS 415 ff.). Auf Antrag des Beklagten wurde mit Zustimmung der Ergänzungspflegerin Rechtsanwältin Visel auch eine DNA-Analyse bezüglich des Kindes Kai W. durchgeführt, da dieses zum Tatzeitpunkt bei der Klägerin im Ehebett geschlafen hatte und damit ebenfalls potentieller Spurenverursacher ist. Die Ergebnisse der DNA-Analysen sind in den folgenden Tabellen dargelegt:

System Spur TO11
(innen)
Andrea W. Harry Wörz Kai W. Wolfgang Z. Thomas H. G.S. M.P. Daniela H.
D1S80 18/28 18/28 18/28 --- 18 18/24 --- --- (<15/18/24)
FES (10)/11 11 10 --- 11 10/11 --- --- 12
vWA 16/17 16/17 17 16/17 15/17 16/17 18 16/19 15/19
FGA 18/22/23/25 18/23 22/25 23/25 20/23 20/22 22/23 22/24 (20/22/23) 24/25
SE33 19/20/25.2/
(29.2)/30.2
(29.2)/30.2 20/
25.2
25.2/
30.2
29.2/30.2 24.2/30.2 18/
30.2
26.2/
30.2
15/21.2
TH01 9/9.3 9/9.3 6/9.3 9/9.3 9 9/9.3 8/9.3 9.3 9/9.3

Unterstrichene Befunde sind besonders stark.

Eingeklammerte Befunde sind nicht voll beweisfähig.

Syst. Spur TO11
(innen)
Andrea W. Harry Wörz Kai W. Wolfgang Z. Thomas H. G.S. M.P. Daniela H.
D1S80 --- 18/28 18/28 --- 18 18/24 --- --- (<15/18/24)
FES 10/11 11 10 --- 11 10/11 --- --- 12
vWA 16/17 16/17 17 16/17 15/17 16/17 18 16/19 15/19
FGA 18/19/22/23/
(24)25
18/23 22/25 23/25 20/23 20/22 22/23 22/24 (20/22/23) 24/25
SE33 14/(19)/20/25.2/
(29.2)/30.2
(29.2)/
30.2
20/
25.2
25.2/
30.2
29.2/30.2 24.2/30.2 18/
30.2
26.2/
30.2
15/21.2
TH01 6/9.3 9/9.3 6/9.3 9/9.3 9 9/9.3 8/9.3 9.3 9/9.3

Unterstrichene Befunde sind besonders stark.

Eingeklammerte Befunde sind nicht voll beweisfähig.

b) Der Sachverständige des Landeskriminalamtes Baden Württemberg, Dr. Förster, führt in seinem Untersuchungsbericht vom 22.07.1997 bezüglich des Asservates TO 11 (Fingerling, gefunden im Bett) aus, dass der Vliesabrieb von der Innenseite dieses Asservates außer den Merkmalen der Klägerin weitere Merkmale zeige, die, bezogen auf die Personen, von denen Blutproben untersucht worden seien, nur zu der des Beklagten passten. Aus der Tatsache, dass die 6er-Bande des TH01-Systems bei der Blutprobe des Beklagten, nicht aber auf der Innenseite dieses Asservates nachweisbar sei, sei kein Ausschluss abzuleiten, da es sich bei diesen zusätzlichen Banden offenbar um eine mengenmäßig geringe Beimengung von DNA handele. Die schwache 19er-Bande des SE33-Systems finde sich bei keiner der untersuchten Blutproben und müsse von einem anderen Verursacher stammen.
Im Untersuchungsbericht vom 28.08.1997 legt der Sachverständige Dr. Förster diesbezüglich ergänzend und ausführlicher dar, dass DNA von der Innenseite des Asservates TO 11 habe isoliert werden können, deren mengenmäßig größter Anteil der Klägerin zuzuordnen sei. Zusätzliche, weitaus schwächere Banden wiesen auf einen weiteren Verursacher hin. Diese mengenmäßig sich an der Nachweisgrenze bewegenden Antragungen stimmten bezüglich ihrer Merkmale weitgehend mit der Blutprobe des Beklagten überein, nicht aber mit den Blutproben des Wolfgang Z. und des Thomas H.. Die Tatsache, dass bei der Spur im TH01-System die 6er-Bande fehle, die aber bei der Blutprobe des Beklagten auftrete, bedeute hier keinen Ausschluss des Beklagten als Spurenverursacher, da sich die DNA-Menge des zweiten Spurenverursachers offenbar an der Nachweisgrenze bewege. Aus diesem Grunde könne auch die 10er-Bande im FES/FPS-System aufgrund der geringen Intensität nicht als "voll beweiskräftig" eingestuft werden. Der Begriff "voll beweiskräftig" und "nicht voll beweiskräftig" kennzeichne hier wie generell die forensisch-methodische Beurteilung, ob die Qualität und Quantität eines Signals (Bande oder Bandenkombination) als unzweifelhaft eingestuft werde. Die Begriffe bezögen sich nicht auf die Tatrelevanz einer Spur. Der eigentliche "Beweiswert" sei vom Gericht zuzumessen. Da der Beklagte wegen der fehlenden 6er-Bande im TH01-System bei der Spur nur wegen der geringen Spurenmenge, die sich an der Nachweisgrenze bewege, nicht ausgeschlossen werden könne, sei es nicht sinnvoll, durch die Angabe einer geringen Häufigkeit einen hohen Beweiswert vorzutäuschen. Es ergebe sich das Fazit, dass bei dieser Spur die Klägerin die Hauptspurenverursacherin sei und der Beklagte als Mitspurenverursacher in Betracht komme. Als weiteres Ergebnis hält der Sachverständige im damaligen Untersuchungsbericht folgendes fest: "Herr Thomas H. und Herr Wolfgang Z. sind als Verursacher auszuschließen. " Er führt weiter aus, dass es sich bei der im SE33-System vorgefundenen 19er-Bande, die bei keiner der untersuchten Blutproben auftrete, um eine sehr schwache Bande handele, deren Intensität (= DNA-Menge) gerade im "voll beweiskräftigen" Bereich liege.

Über die Tatrelevanz könnten bei Hautantragungen keine Angaben gemacht werden. Das hier nachgewiesene geringe Zellmaterial eines dritten Verursachers müsse nicht durch das Anziehen des Handschuhs übertragen werden, sondern könne zufällig angetragen worden sein. Bezeichnenderweise sei in den anderen nicht ganz so sensitiven Untersuchungssystemen kein Hinweis auf diesen dritten Verursacher gefunden worden, da die DNA-Menge dafür offenbar nicht ausgereicht habe. Bei dem 19er-Alell handele es sich um eines der häufigsten Allele des Systems SE33: die Häufigkeit liege hier in der Größenordnung von 14%, d.h. etwa eine von sieben Personen zeige statistisch gesehen dieses Allel.

c) Bezüglich des Asservates TO 20 (Fingerling, gefunden im Flur) führt der Sachverständige Dr. Förster im Bericht vom 22.07.1997 aus, dass der Vliesabrieb von der Innenseite dieses Asservates alle Merkmale der Klägerin zeige, außer im TH01-System, bei dem die 9er-Bande zwar beim Vergleichsblut der Klägerin, nicht aber bei der Spur auftrete. Die zusätzlichen Merkmale, die an der Innenseite des Asservates nachweisbar seien, deckten sich mit der Blutprobe des Beklagten. Zusätzlich träten als voll beweiskräftige Banden im SE33-System die sehr schwache 14er-Bande und im FGA-System die 19er-Bande auf, die keiner der untersuchten Personen zugeordnet werden könnten und daher von einer anderen Person stammen müssten. Die an der Innenseite des Asservates TO 20 vorgefundene Merkmalskombination sei in der hiesigen Bevölkerung mit einer prozentualen Häufigkeit von ca. 0,0025% anzutreffen, d.h. von etwa 4.000 Menschen komme einer als Mitspurenverursacher dieser Mischspur in Betracht. Die nicht voll beweiskräftigen Banden (Allele) seien bei dieser Rechnung nicht berücksichtigt.
Im Untersuchungsbericht vom 28.08.1997 führt der Sachverständige Dr. Förster ergänzend aus, dass auf dem Vliesabrieb von der Innenseite des Asservates TO 20 mit Ausnahme der 9er-Bande im TH01-System alle Merkmale der Klägerin zu finden seien, die somit Mitspurenverursacherin sein könne. Aus der fehlenden 9er-Bande im TH01-System sei wegen der geringen Spurenmenge kein Ausschluss abzuleiten. Es zeigten sich jedoch bei dieser Spur alle Merkmale des Beklagten, der daher als Hauptspurenverursacher in Betracht komme. Die Banden, die keiner der untersuchten Personen zugeordnet werden konnten (14er-Bande im SE33-System und 19er-Bande im FGA-System) seien nicht stärker, sondern schwächer als die übrigen "voll beweiskräftigen" Banden ausgeprägt, was darauf hindeute, dass von dem Verursacher (oder den Verursachern) dieser Banden (14 und 19) weniger DNA übertragen worden sei.

d) Der Sachverständige führt in seinem Bericht vom 28.08.1997 weiter aus, dass Hinweise auf einen weiteren Spurenverursacher, von dem keine Blutprobe vorliege, vereinzelt in den Systemen FGA und SE33 aufträten. Hierbei müsse es sich um minimale Zellantragungen handeln, deren Tatrelevanz nicht bewertet werden könne.

e) Im Untersuchungsbericht vom 18.01.2001 (Band III, AS 961 ff.), in welchen die DNA-Analyse der Speichelprobe des Kindes Kai W. einbezogen wurde, führt der Sachverständige Dr. Förster aus, dass Kai W. bezüglich der Innenseite des Asservates TO 11 (Fingerling, gefunden im Bett) als Mitspurenverursacher in Betracht komme. Bezüglich der Innenseite des Asservates TO 20 (Fingerling, gefunden im Flur) fehle bei Kai W. - ebenso wie bei der Klägerin - im TH01-System das Merkmal 9. Da sich bei der Untersuchung von Hautepithelzellen die Spurenmenge meist an der Nachweisgrenze bewege, sei aufgrund der vorliegenden Befunde eine Spurenlegerschaft der Klägerin und des Kai W. zwar nicht auszuschließen, ihre Spurenanteile lägen aber, verglichen mit dem Anteil, der dem Beklagten zugeordnet werden könne, in geringerer Menge vor.

f) Im Untersuchungsbericht vom 14.02.2000 (Band l, AS 419 ff.) bezüglich der Polizeibeamten PHK Sommer und KHK Perplies führt der Sachverständige aus, dass es keine Hinweise gebe, dass die beiden Polizeibeamten an der Entstehung der an den Asservaten vorgefundenen Mischspuren beteiligt gewesen seien, weil sich mehrere Allele der Vergleichsproben der beiden Spurenberechtigten in den Spuren der Asservate TO 11 und TO 20 nicht wiederfänden.

5. Der Sachverständige Prof. Dr. Max Baur hat aufgrund der Untersuchungsberichte des Dr. Förster im vorliegenden Rechtsstreit ein biostatistisches Gutachten zu der Frage erstellt, mit welcher Wahrscheinlichkeit der Beklagte, und weitere Personen als Verursacher der Spuren an den Innenseiten der Asservate TO 11 und TO 20 in Betracht kommen. In die Begutachtung wurden der Beklagte, die Klägerin, Kai W., Wolfgang Z., Thomas H., PHK Sommer und KHK Perplies einbezogen. Wie der Sachverständige Prof. Baur in seinem Gutachten darlegt und worauf er bei seiner mündlichen Anhörung noch einmal ausdrücklich hinwies, basiert sein Gutachten auf den Typisierungsbefunden des Sachverständigen Dr. Förster, die als richtig vorausgesetzt würden.

a) Der Sachverständige Prof. Baur erklärte bei seiner mündlichen Anhörung, dass er keine Aussage darüber machen könne, wie die Spur an das Asservat gekommen sei. Er könne lediglich Angaben machen, mit welcher Wahrscheinlichkeit eine bestimmte Person als Spurenverursacher in Betracht komme.

b) Im einzelnen führt der Sachverständige aus, dass es sich bei den Spuren an den Innenseiten der Asservaten TO 11 und TO 20 um Mischspuren handele, d.h. um Spuren, die nicht von einer Person allein verursacht sein könnten, sondern DNA von mehr als einer Personen enthalten müssten, da bei der Typisierung mehr als zwei Allele eines Systems nachgewiesen worden seien. Eine einzelne Person könne mit ihrem Genotyp, bestehend aus einem oder zwei Allelen (homozygot oder heterozygot), auf verschiedene Arten zur Erklärung einer Mischspur beitragen. Jede Person verfüge über maximal zwei Allele eines Systems, von denen eines von der Mutter, eines von dem Vater erlangt werde. Seien diese unterschiedlich, sei eine Person "heterozygot": werde dasselbe Merkmal erlangt, bezeichne man die Person als "homozygot". Würden daher in einer Spur mehr als zwei Allele eines Systems aufgefunden werden, müsse mehr als eine Person an der Spurenentstehung beteiligt gewesen sein.

c) Bei voll beweiskräftigen Signalen in einer Spur könne eine Person als Mitverursacher formalgenetisch ausgeschlossen werden, falls sie in ihrem Genotyp eine Eigenschaft aufweise, die nicht in der Spur enthalten sei. Eine Besonderheit in der Spurenanalyse bestehe jedoch darin, dass aufgrund minimalen Spurenmaterials die Signale in der Spur teilweise von unterschiedlicher Stärke sein oder vollständig fehlen könnten, ohne dass diese Ergebnisse voll beweisfähig seien. Für die Interpretation der Spurensignale sei ausschließlich das DNA-Typisierungslabor zuständig. Die entsprechenden Aussagen in den Befundberichten des Landeskriminalamtes seien durch ihn nicht überprüfbar.

d) Aus formalgenetischer Betrachtung ergebe sich folgendes: Die Personen Wolfgang Z., Thomas H., G.S. (= PHK Günther Sommer) und M.P. (= KHK Manfred Perplies) seien als Mitverursacher für die Spuren TO 11 und TO 20 - jeweils innen - mehrfach ausgeschlossen, da jede dieser Personen in den typisierten DNA-Systemen mehrere Allele aufweise, die nicht in der Spur enthalten seien. Die Genotypen der Klägerin, des Beklagten und des Kai W. seien nach Aussage der Untersuchungsberichte kompatibel mit den jeweiligen Mustern in den beiden Mischspuren. Es müsse allerdings darauf hingewesen werden, dass der Beklagte im System TH01 den Genotyp 6/9.3 besitze, in der Spur TO 11 jedoch das Signal 6 nicht nachgewiesen werden könne. Dieser scheinbar isolierte formalgenetische Ausschluss werde vom Labor jedoch nicht als beweiskräftig angesehen, sondern als fehlendes Signal aufgrund zu geringer DNA-Menge interpretiert. In allen übrigen Systemen sei der Beklagte kompatibel zur Spur TO 11. Bei der Spur TO 20 finde sich im System TH01 die Situation, dass das Allel 9 aus den Genotypen der Klägerin und des Kai W. nicht in der Spur TO 20 nachweisbar sei. Im Hinblick auf die Spur TO 20 sei der Beklagte kompatibel in allen typisierten Systemen. Als Besonderheit müsse darauf hingewiesen werden, dass Kai W. als Kind des Beklagten und der Klägerin in seinem Genotyp natürlich nur Allele aufweisen könne, die jeweils auch in den Genotypen seiner Eltern enthalten seien. Der Sachverständige Prof. Dr. Baur gelangt zu folgender formaler Interpretation, die in den beiden nachfolgenden Tabellen dargestellt ist:

Syst. Spur TO11 (innen) Andrea W. Harry Wörz Kai W. Wolfgang Z. Thomas H. G.S. M.P.
D1S80 18/28 18/28 18/28 --- 18 18/24 --- ---
FES (10)/11 11 10 --- 11 10/11 --- ---
vWA 16/17 16/17 17 16/17 15/17 16/17 18 16/19
FGA 18/22/23/25 18/23 22/25 23/25 20/23 20/22 22/23 22/24
SE33 19/20/25.2/
(29.2)/30.2
(29.2)/
30.2
20/
25.2
25.2/
30.2
29.2/30.2 24.2/30.2 18/30.2 26.2/30.2
TH01 9/9.3 9/9.3 6/9.3 9/9.3 9 9/9.3 8/9.3 9.3
                 
  Interpretat. kompat. komp. komp. 2(3)fach ausgesch. 3(4)fach ausgesch. 3fach ausgesch. 3fach ausgesch.

Unterstrichene Befunde sind besonders stark.

Eingeklammerte Befunde sind nicht voll beweisfähig.

Syst. Spur TO11
(innen)
Andrea
W.
Harry Wörz Kai W. Wolfgang Z. Thomas H. G.S. M.P.
D1S80 --- 18/28 18/28 --- 18 18/24 --- ---
FES 10/11 11 10 --- 11 10/11 --- ---
vWA 16/17 16/17 17 16/17 15/17 16/17 18 16/19
FGA 18/19/22/23/
(24)/25
18/23 22/25 23/25 20/23 20/22 22/23 22/24
SE33 14/(19)/20/25.2/
(29.2)
30.2
(29.2)
/30.2
20/
25.2
25.2/
30.2
29.2/30.2 24.2/30.2 18/30.2 26.2/30.2
TH01 6/9.3 9/9.3 6/9.3 9/9.3 9 9/9.3 8/9.3 9.3
                 
  Interpretation komp. komp. komp. 2(3)fach ausgesch. 2fach ausgesch. 3fach ausgesch. 2(3)fach ausges.

Unterstrichene Befunde sind besonders stark.

Eingeklammerte Befunde sind nicht voll beweisfähig.

Die Interpretation des Ausschlusses ergibt sich jeweils aus der Anzahl der Merkmale des Genotyps der untersuchten Person, die nicht in der Spur wiedergefunden wurden. So fehlen beispielsweise in der Innenspur TO 11 von Wolfgang Z. die Merkmale 15 im System vWA und 20 im System FGA. Das bei ihm vorhandene Merkmal 29.2 im System SE33 findet sich zwar in der Spur, ist dort allerdings nicht voll beweiskräftig. Auf diese Weise gelangt man bei Wolfgang Z. zu einem zwei- bzw. dreifachen Ausschluss.

e) Die Interpretation, dass der Beklagte zur Innenseite der Spur TO 11 kompatibel sei, beruht nach Angaben des Sachverständigen Prof. Baur auf der Übernahme der von Dr. Förster vorgenommenen Interpretation, dass wegen des fehlenden Allels 6 im System TH01 ein an sich gegebener formalgenetischer Ausschluss lediglich wegen der zu geringen Spurenmenge nicht anzunehmen sei. Dasselbe gelte für die Kompatibilität der Klägerin und des Kai W. bezüglich der Spur TO 20, da auch dort das fehlende Allel 9 im System TH01 von Dr. Förster lediglich wegen der zu geringen Spurenmenge nicht als formalgenetischer Ausschluss interpretiert werde.

f) Der Sachverständige Prof. Baur hat weiterhin statistische Analysen durchgeführt, um festzustellen, mit welcher Wahrscheinlichkeit bestimmte Personen als Spurenverursacher in Betracht kommen.

aa) Bei den Berechnungen bezüglich der Innenseite des Asservates TO 11 ließ der Sachverständige beim Beklagten das System TH01 wegen des nichtinterpretierbaren Befundes (fehlendes Allel 6 im System TH01) außer Betracht. Da das Ergebnis im System FES bezüglich des Allels 10 keinen voll beweiskräftigen Befund geliefert hat, hat der Sachverständige zwei verschiedene Berechnungen -mit bzw. ohne das System FES - durchgeführt.

bb) Die Basis der Betrachtungen-sei - so der Sachverständige - die Kenntnis, dass die unterschiedlichen Ausprägungen (Allele) eines Erbsystems in einer Population mit unterschiedlichen Häufigkeiten (Frequenzen) aufträten. Der Hinweiswert für die Übereinstimmung von Eigenschaften sei unmittelbar verknüpft mit der Häufigkeit oder Seltenheit einer Eigenschaft in der gegebenen Population. Zufällige Übereinstimmung sei um so unwahrscheinlicher, je seltener diese Eigenschaft in der Population vorzufinden sei. Die Basis der Berechnungen seien die geschätzten Populationsfrequenzen aus einer deutschen Stichprobe von mehr als 1.000 nichtverwandten Personen.

cc) Da im System SE33 fünf (TO 11 ) bzw. sechs (TO 20) verschiedene Allele in der Spur beobachtet wurden, müssen - so der Sachverständige - jeweils mindestens drei beteiligte Mitverursacher für die jeweilige Spur postuliert werden. Wegen der Einzelheiten der Berechnung und der verschiedenen vom Sachverständigen untersuchten Hypothesen wird auf das sich bei der Akte befindliche schriftliche Gutachten (Band II, AS 999 ff.) Bezug genommen.

g) Der Sachverständige gelangt insgesamt zu folgenden Ergebnissen:

aa) Die Personen Wolfgang Z., Thomas H., G.S., M.P. seien als Mitverursacher der Spuren TO 11 (innen) und TO 20 (innen) auszuschließen.

bb) Die Personen Andrea Wörz, Harry Wörz und Kai W. könnten als Mitverursacher der Spuren TO 11 (innen) und TO 20 (innen) nicht ausgeschlossen werden.

cc) Auf der Basis normierter a priori Wahrscheinlichkeiten, unter Einbezug der als beweiskräftig eingestuften DNA-Systeme und bei Berücksichtigung unterschiedlicher Beteiligungsmöglichkeiten der drei nicht ausgeschlossenen Personen in den Hypothesen ergebe sich eine a posteriori Wahrscheinlichkeit von mindestens w = 94,7233% (ohne FES) bzw. 94,7249 (mit FES) für die Hypothese, dass Harry Wörz Mitverursacher der Spur TO 11 (innen) sei.

dd) Auf der Basis normierter a priori Wahrscheinlichkeiten, unter Einbezug der als beweiskräftig eingestuften DNA-Systeme und bei Berücksichtigung unterschiedlicher Beteiligungsmöglichkeiten der drei nicht ausgeschlossenen Personen in den Hypothesen ergebe sich eine a posteriori Wahrscheinlichkeit von mindestens w = 99,8881 % für die Hypothese, dass Harry Wörz Mitverursacher der SpurTO 20 (innen) sei.

h) In der mündlichen Verhandlung vom 12.02.2001 führte der Sachverständige noch weitere Berechnungen durch, mit welcher Wahrscheinlichkeit die nachfolgend genannten Personen als Verursacher der Innenspuren TO 11 und TO 20 in Betracht kommen. Die Ergebnisse sind in der folgenden Tabelle dargestellt.

  T011 mit FES T011 ohne FES T020
Harry Wörz 94,7249 94,7233 99,8881
Andrea W. 98,2691 98,2686 99,9587
Kai W. 53,5082 53,5022 50,0729
Andrea und Kai W. 51,7719 51,7707 50,0327
Harry und Kai W. 48,2277 48,2266 49,9626
Andrea und Harry Wörz 92,9940 92,9920 99,8488

i) In der mündlichen Verhandlung vom 12.02.2001 erläuterte der Sachverständige Prof. Dr. Baur sein Gutachten.

aa) Da jeder Mensch in einem DNA-System maximal zwei Allele aufweise, gebe es verschiedene Erklärungsmöglichkeiten für eine Mischspur. Bei einer Mischspur könne nicht von vornherein gesagt werden, wie viele Personen die Spur verursacht hätten. Die Abbildung 2 im schriftlichen Gutachten sei beliebig fortsetzbar, d.h. die Personenanzahl könne beliebig erhöht werden. Dies sei lediglich ein Aspekt der Formalgenetik und besage noch nichts über die Wahrscheinlichkeit. Im vorliegenden Fall handele es sich bei den Spuren an den Innenseiten der Asservate TO 11 und TO 20 in jedem Fall um Mischspuren, da in mehreren Systemen mehr als zwei Allele nachgewiesen worden seien.

bb) Bei der Spur des Asservates TO 11 sei bezüglich einer Übereinstimmung mit dem Beklagten festzuhalten, dass das Merkmal 10 im System FES nicht voll beweiskräftig sei, was bedeute, dass der Befund schwach sei. Das Labor des Landeskriminalamtes habe dies allerdings nicht als Inkompatibilität gewertet. Im System TH01 fehle das Merkmal 6 in der Spur, welches sich jedoch im Genotyp des Beklagten finde. Dies bedeute im Grunde genommen einen formalgenetischen Ausschluss. Allerdings gelange das Labor vorliegend zu der Interpretation, dass das Merkmal 6 lediglich wegen zu wenig Spurenmaterials nicht nachweisbar sei. Diese Interpretation sei durch ihn nicht überprüfbar. Dasselbe gelte bezüglich der Klägerin und Kai W. für das Asservat TO 20, bei welchem in dem System TH01 das Merkmal 9 fehle, welches die Klägerin und Kai W. in ihrem Genotyp aufwiesen. Auch hier folgere das Labor keinen formalgenetischen Ausschluss, weil das Merkmal lediglich wegen zu geringen Spurenmaterials nicht nachweisbar sei.

cc) Als Ergebnis bleibe deshalb - unter Zugrundelegung der Interpretationen des Labors des Landeskriminalamtes Baden-Württemberg - festzuhalten, dass nach formalgenetischer Interpretation nur die Klägerin, der Beklagte und Kai W. als Mitspurenverursacher in Betracht kämen. Diese rein formalgenetische Analyse besage noch nichts darüber, mit welcher Wahrscheinlichkeit bestimmte Personen als Spurenverursacher in Betracht kämen. Für die Wahrscheinlichkeitsberechnung sei entscheidend, wie oft ein bestimmtes Merkmal in der Bevölkerung vorkomme.

6. Im Hinblick auf die Problematik, dass bezüglich des Asservates TO 11 (innen) ein formalgenetischer Ausschluss des Beklagten lediglich wegen zu geringer Spurenmenge nicht vorgenommen wurde, sah sich die Kammer zu einer erneuten Anhörung des Sachverständigen Dr. Förster veranlasst, wobei insbesondere die Frage erörtert werden sollte, weshalb diese Interpretation der Befunde - kein formalgenetischer Ausschluss wegen zu geringer Spurenmenge - nicht auch für die anderen in die DNA-Analyse einbezogenen Personen gelte. Zu den entsprechenden Fragen der Kammer hat der Sachverständige Dr. Förster vorab mit Untersuchungsbericht vom 23.02.2001 (Band III, AS 1081 ff.) schriftlich Stellung genommen. Die Begriffe Spurenverursacher bzw. Spurenleger sind in den folgenden Ausführungen zur Hervorhebung unterstrichen, da der Sachverständige insbesondere bei seiner mündlichen Anhörung eine diesbezügliche sprachliche Differenzierung vorgenommen hat.

a) Der Sachverständige erläutert in seinem Untersuchungsbericht vom 23.02.2001 zunächst grundsätzlich die Schritte der DNA-Analyse. Danach werde die DNA einer Spur und der Vergleichsprobe einer Person in mehreren Merkmalssystemen untersucht und es werde dann geprüft, ob die Merkmalsausprägungen (Merkmale) bei der Spur und der Vergleichsprobe identisch seien. Wenn sich alle Merkmale einer Person in allen bei einer Spur erfolgreich untersuchten Merkmalssystemen nach- weisen ließen, komme diese Person als Spurenverursacher in Betracht. Fänden sich in einer Spur neben den Merkmalen der betreffenden Person weitere Merkmale, so liege eine Mischspur vor, d.h. die Spur sei von mehr als einer Person verursacht worden. Man sage dann, dass die betreffende Person als Mitverursacher dieser Mischspur in Betracht komme. Falls bei einer Spur, die in genügend großer Menge vorliege, z.B. bei einer kräftigen Blutspur, auch nur ein Merkmal eines Merkmalssystems fehle, das bei der Vergleichsperson vorliege, so sei diese Person als Spurenverursacher auszuschließen. In den letzten Jahren seien zunehmend auch sehr geringe Spurenmengen, wie z.B. Hautschuppen, mit dem PCR-Verfahren DNA-analytisch untersucht worden, wobei die DNA in den untersuchten Merkmalssystemen vermehrt (amplifiziert) werde. Da aus methodischen Gründen bei den einzelnen Analyseschritten Verluste aufträten, sei es möglich, dass trotz des sensitiven Analyseverfahrens keine oder nur wenige verwertbare Befunde erzielt werden könnten.

Der Sachverständige verdeutlicht die verschiedenen Ergebnismöglichkeiten bei der Untersuchung einer sehr geringen Spurenmenge anhand der Beschreibung eines Experimentes. Wenn der Experimentator mit Daumen und Zeigefinger mehrmals über ein bis dahin unberührtes Blatt Papier streife, werde versucht, die DNA von dem Papier zu isolieren und dann in denselben Merkmalssystemen wie die Vergleichsprobe des Experimentators zu typisieren. Es sei möglich, dass alle Merkmale des Experimentators an der Spur auf dem Papier nachweisbar seien, so dass der Experimentator als Spurenverursacher in Betracht komme und die Häufigkeit der an der Spur vorgefundenen Merkmalskombination errechnet werden könne. Es sei auch möglich, dass sich manche Merkmale des Experimentators an der Spur auf dem Papier nachweisen ließen, aber in manchen Merkmalssystemen einzelne Merkmale des Experimentators fehlten. Wenn man nicht wüsste, dass der Experimentator das Blatt tatsächlich berührt habe, könnte er wegen der stark limitierten Spurenmenge zwar nicht als Spurenverursacher ausgeschlossen werden, aus den Befunden könnten aber auch keine gesicherten Hinweise auf dessen Spurenlegerschaft abgeleitet werden. Die Frage, ob der Experimentator als Spurenverursacher in Betracht komme, müsste letztlich unbeantwortet bleiben. Eine Häufigkeitsberechnung der Merkmalskombination der Spur wäre wegen der zweifelhaften Zuordnung dann auch nicht sinnvoll. Es sei schließlich auch möglich, dass bei der Untersuchung der Spur auf dem Papier keine Befunde erzielt werden könnten, so dass es keine Hinweise darauf gebe, dass der Experimentator das Papier angefasst habe. Der Kontakt des Experimentators mit dem Stück Papier sei in einer solchen Situation selbstverständlich nicht auszuschließen, da man im vorliegenden Fall ja auch wisse, dass er das Stück Papier berührt, er offenbar aber keine oder für die DNA-Analyse zu wenig Spurenmaterial (Hautschuppen, DNA) zurückgelassen habe.

Die in diesem skizzierten Experiment aufgezeigten Schlussfolgerungen ließen sich - so Dr. Förster- auf die hiesige Spurensituation übertragen:

Die Spur von der Innenseite des Asservates TO 11 lasse sich wegen des fehlenden Merkmals im System TH01 nicht zweifelsfrei dem Beklagten zuordnen. Es könne daher nicht eindeutig festgestellt werden, ob er ein Mitverursacher dieser Mischspur sein könne. Wie bei dem zur Verdeutlichung aufgeführten Experiment könne jedoch wegen der geringen Spurenmengen nicht ausgeschlossen werden, dass der Beklagte an der Entstehung der Spur beteiligt sei.

Vergleiche man die Befunde der genannten Spur (Asservat TO 11, Innenseite) mit den Vergleichsproben der anderen Personen, so stelle man bei diesen eine geringere Übereinstimmung von Merkmalen fest. Bei der Spur fehlten zwei Merkmale des Wolfgang Z. und jeweils drei Merkmale der Zeugen Thomas H., Sommer und Perplies. Für diese Personen gebe es daher weniger Hinweise als beim Beklagten, dass sie an der Entstehung der Spur beteiligt gewesen sein könnten. Von keiner beliebigen Person könne jedoch aus kriminaltechnischer Sicht ausgeschlossen werden, dass sie mit dem Asservat Kontakt hatte, da es bei einer Berührung nicht zwangsläufig zur Übertragung von (ausreichend) DNA-haltigem Zellmaterial kommen müsse.

Zusammenfassend hält der Sachverständige fest, dass ein Merkmal des Beklagten auf der Innenseite des Asservats TO 11 fehle. Trotz weitgehender Übereinstimmung der Merkmale der Spur und der Vergleichsprobe könne die Frage, ob der Beklagte als Mitverursacher dieser Spur in Betracht komme, daher nicht beantwortet werden.

Die Vergleichsproben von Wolfgang Z., Thomas H., PHK Sommer und KHK Perplies zeigten geringere Übereinstimmungen mit der Spur von der Innenseite des Asservates TO 11 als die Probe des Beklagten. Wenn auch für keine beliebige Person ein Kontakt mit dem Asservat ausgeschlossen werden könne, so könne doch aus den Befunden der von dem Asservat isolierten Spur kein Hinweis auf eine Spurenlegerschaft der obengenannten Personen abgeleitet werden.

b) In der mündlichen Verhandlung vom 05.03.2001 erklärte der Sachverständige zur weiteren Verdeutlichung: Bei beiden Asservaten -TO 11 und TO 20 - seien lediglich geringe Spurenmengen gesichert worden. Wie bereits im schriftlichen Bericht vom 23.02.2001 ausgeführt, könne bei derartigen geringen Spurenmengen nie ausgeschlossen werden, dass irgendeine Person mit dem Asservat Kontakt hatte, weil es möglich sei, dass die Person trotz Kontaktes mit dem Asservat keine oder nicht ihre vollständige DNA hinterlassen habe.

Bei der Spur der Innenseite des Asservates TO 11 lasse sich bezüglich des Beklagten lediglich das Merkmal 6 im System TH01 nicht nachweisen. Bei anderen Personen fehlten dagegen zwei oder mehr Merkmale.

Wenn - wie beim Beklagten - lediglich ein Merkmal fehle, könne die betreffende Person lediglich wegen der zu geringen Spurenmenge nicht als Spurenverursacher ausgeschlossen werden. Dies gelte selbst dann, wenn zusätzlich - wie vorliegend - ein anderes Merkmal in einem weiteren System (sc. Merkmal 10 im System FES) ebenfalls nicht voll beweiskräftig sei.

Fehlten dagegen zwei oder mehr Merkmale, gebe es zu wenig Hinweise auf die Spurenlegerschaft dieser Personen, weshalb diese Personen als Spurenleger terminologisch auszuschließen seien, wenn auch nie ausgeschlossen werden könne, dass diese Personen dennoch Kontakt mit dem Asservat hatten und lediglich zu wenig DNA hinterlassen haben.

Der Sachverständige erklärte weiter, dass es seine Meinung und die seiner Kollegen beim Landeskriminalamt Baden-Württemberg sei, dass bei Fehlen eines Merkmals kein Ausschluss angenommen werden könne, wohl aber bei Fehlen von zwei oder mehr Merkmalen. Fehlten zwei oder mehr Merkmale, gebe es zu wenig Hinweise auf die Spurenlegerschaft.

Wenn er in seinem Untersuchungsbericht vom 28.08.1997 ausgeführt habe, dass Thomas H. und Wolfgang Z. als Verursacher auszuschließen seien, bedeute dies, dass wegen des Fehlens von zwei oder mehr Merkmalen zu wenig gesicherte Hinweise auf die Spurenlegerschaft dieser Personen existierten. Ein Kontakt dieser Personen mit dem Asservat könne allerdings nicht ausgeschlossen werden.

Zum Zeitpunkt der Antragung der Spur vermöge er keine Angaben zu machen. Die untersuchte Spur könne unter Umständen bereits mehrere Jahre alt sein.

7. Die dargestellten Erkenntnisse bezüglich der beiden abgerissenen Fingerlinge belegen nach Auffassung der Kammer nicht mit einer für eine Verurteilung ausreichenden Gewissheit, dass der Beklagte die Klägerin am 29.04.1997 tätlich angegriffen und verletzt hat. Die Kammer ist zu der Überzeugung gelangt, dass wegen der jeweils nur geringen Spurenmenge keine Person - und nicht lediglich der Beklagte nicht - formalgenetisch als (Mit-)Spurenverursacher ausgeschlossen werden kann.

a) In der Innenspur des Asservates TO 11 (Fingerling, gefunden im Bett) ist im System TH01 das Merkmal 6, welches der Beklagte in seinem Genotyp aufweist, nicht nachweisbar. Bei einer ausreichend großen Spurenmenge würde dies einen formalgenetischen Ausschluss des Beklagten als (Mit-)Spurenverursacher bedeuten, da in der Spur nicht sämtliche Merkmale des Genotyps des Beklagten nachweisbar sind. Im System FES ist das Merkmal 10, welches der Beklagte in seinem Genotyp aufweist, zwar nachweisbar, allerdings in einem nicht voll beweiskräftigen Umfang. Der Sachverständige des Landeskriminalamtes Dr. Förster folgert aus dem fehlenden Merkmal 6 im System TH01 allerdings deshalb keinen formalgenetischen Ausschluss des Beklagten als (Mit-) Spurenverursacher, weil lediglich wenig Spurenmaterial vorgelegen, die DNA-Menge sich also offenbar an der Nachweisgrenze bewegt habe.

b) Dagegen gelangt Dr. Förster in seinem Bericht vom 28.08.1997 andererseits aber zu dem Ergebnis, dass Thomas H. und Wolfgang Z. als Spurenverursacher auszuschließen seien, eine Interpretation, die auch das Schwurgericht des Landgerichts Karlsruhe der Verurteilung des Beklagten zugrundegelegt hat (vgl. Seiten 39, 52, 58, 61, 62 des strafgerichtlichen Urteils: daneben wurde auch Daniela H. aufgrund der DNA-Analyse als Mitspurenverursacherin ausgeschlossen). Bei Wolfgang Z. gelangt man beispielsweise zu einem zwei - bzw. dreifachen formalgenetischen Ausschluss, weil in der Spur in den Systemen vWA bzw. FGA die Merkmale des Genotyps von Wolfgang Z. 15 bzw. 20 fehlen und im System SE33 das Merkmal 29.2 nicht voll beweiskräftig ist.

c) In seinem schriftlichen Vorbericht vom 23.02.2001 führt Dr. Förster zusammenfassend aus, dass die Frage, ob der Beklagte als Mitverursacher der Spur der Innenseite des Asservates TO 11 in Betracht komme, nicht beantwortet werden könne, weil ein Merkmal (sc. 6 im System TH01) fehle. Bezüglich der anderen Vergleichspersonen führt der Sachverständige aus, dass diese geringere Übereinstimmungen mit der Spur zeigten. Wenn auch für keine beliebige Person ein Kontakt mit dem Asservat ausgeschlossen werden könne, so könnte doch aus den Befunden kein Hinweise auf eine Spurenlegerschaft der anderen Personen abgeleitet werden.

d) Diese Formulierungen des Dr. Förster stehen nach Auffassung der Kammer im Widerspruch zu seinen Ausführungen im Bericht vom 28.08.1997, in welchem er ausdrücklich ausführt: "Herr Thomas H. und Herr Wolfgang Z. sind als Verursacher der Spur auszuschließen. " Aus den Untersuchungsberichten des Dr. Förster vom 22.07.1997 und 28.08.1997 wird die nunmehr von ihm gewählte Differenzierung zwischen "Mitverursachung" der Spur und "Hinweisen auf die Spurenlegerschaft" jedenfalls bei seinen Ausführungen zu den Innenspuren der Asservate TO 11 und TO 20 nicht deutlich.

e) Nachvollziehbar sind die Ausführungen des Sachverständigen Dr. Förster insoweit, als dieser ausführt, dass es weniger Hinweise auf die Spurenlegerschaft einer Person gebe, je mehr Merkmale der Person in der Spur nicht nachgewiesen werden könnten. Nicht für überzeugend bzw. jedenfalls in der Sache missverständlich hält die Kammer allerdings die Unterscheidung von Dr. Förster dahingehend, dass beim Fehlen von zwei oder mehr Merkmalen terminologisch ein Ausschluss dieser Personen als Spurenleger anzunehmen sei, wenn man auch einen Kontakt dieser Personen mit dem Asservat nicht ausschließen könne, während bei lediglich einem fehlenden Merkmal ein solcher Ausschluss nicht anzunehmen sei. In seinem Bericht vom 28.08.1997 verwendet Dr. Förster bei den Innenspuren der Asservate Asservate TO 11 und TO 20 diese Unterscheidung selbst auch nicht, sondern legt ausdrücklich dar, dass Thomas H. und Wolfgang Z. als Verursacher auszuschließen seien. Lediglich bei seiner Anhörung in der mündlichen Verhandlung vom 05.03.2001 relativierte der Sachverständige nun seine an sich deutliche und unmissverständliche Ausführung im Bericht vom 28.08.1997 dahingehend, dass das Wort "ausgeschlossen" in dem Sinne gemeint gewesen sei, dass es zu wenig Hinweise auf die Spurenlegerschaft gebe. Es erschließt sich der Kammer allerdings nicht, worin der Unterschied zwischen Spurenlegerschaft und Spurenverursachung zu sehen sein sollte. Denn Dr. Förster führt selbst aus, dass - wenn wie vorliegend lediglich eine geringe Spurenmenge gesichert worden sei - er den Kontakt einer beliebigen Person mit dem Asservat nie ausschließen könne, weil es möglich sei, dass eine Person zwar Kontakt mit dem Asservat gehabt, aber keine oder nicht ihre vollständige DNA hinterlassen habe. Entsprechend der sprachlichen Differenzierung von Dr. Förster müsste er dann konsequenterweise zu dem Ergebnis gelangen, bestimmte Personen "terminologisch" als Spurenleger. nicht aber als Spurenverursacher auszuschließen. Gerade dies verdeutlicht nach Auffassung der Kammer die mangelnde Tragfähigkeit der sprachlichen Unterscheidung des Sachverständigen. Denn es ist nicht nachvollziehbar, weshalb eine Person einerseits als Spurenleger ausgeschlossen werden soll, wenn andererseits ein Kontakt der Person mit dem Asservat und damit eine (Mit-)Verursachung der Spur durch diese Person nie ausgeschlossen werden kann. Letztlich verbirgt sich hinter der sprachlichen Differenzierung kein sachlicher Unterschied. Denn es geht immer und allein darum, ob die gesicherte Spur von einer bestimmten Person "gelegt" oder "verursacht" wurde, und da bei einer geringen Spurenmenge nach den eigenen und insoweit nachvollziehbaren Ausführungen des Sachverständigen letztlich immer die Möglichkeit und damit auch die Gefahr besteht, dass sich wegen der zu geringen Spurenmenge nicht alle Merkmale in der Spur nachweisen lassen, kann auch nie ausgeschlossen werden, dass eine bestimmte Person die Spur gelegt oder verursacht hat, wenn auch möglicherweise, ohne ihre vollständige DNA hinterlassen zu haben.

f) Vor diesem Hintergrund erscheint es der Kammer nicht nachvollziehbar, weshalb beim Fehlen von zwei Merkmalen terminologisch ein Ausschluss als Spurenleger anzunehmen sein soll, wenn der Sachverständige sogleich zur Klarstellung einschränken muss, dass er einen Kontakt der Personen mit dem Asservat nie ausschließen könne. Im Übrigen vermochte der Sachverständige zur Erklärung dieser Auffassung auch nur anzugeben, dass dies seine Meinung und die seiner Kollegen beim Landeskriminalamt Baden-Württemberg sei. Wenn auch das Landeskriminalamt Baden-Württemberg - wie Dr. Förster erklärte - bei der Analyse geringer Spurenmengen führend sein sollte und es sich hierbei noch um ein im Wesentlichen neues Verfahren handelt, so vermag die Kammer dennoch nicht zu erkennen, dass die Meinung von Dr. Förster und seinen Kollegen beim Landeskriminalamt Baden-Württemberg eine gesicherte wissenschaftliche Lehrmeinung darstellt, zumal dann, wenn diese Meinung letztlich sachlich nicht zu begründen ist und im wesentlichen nur auf einer sprachlichen Differenzierung beruht.

g) Der Sachverständige Dr. Förster differenziert auch selbst nicht immer konsequent zwischen Spurenlegerschaft und Spurenverursachung in der von ihm dargestellten Weise. In seinen Berichten vom Juli und August 1997 nimmt der Sachverständige diese Unterscheidung bei den Ausführungen zu den Innenspuren der Asservate TO 11 und TO 20 nicht vor.

In auffälligem Widerspruch hinsichtlich der Interpretation der Ergebnisse stehen auch die Ausführungen von Dr. Förster zu den Innenspuren des Asservates TO 11 einerseits und den Außenspuren des Asservates TO 20 andererseits.

aa) Bezüglich der Außenseite des Asservates TO 20, bei welcher ebenfalls eine Mischspur gesichert wurde, führt Dr. Förster auf Seite 11 seines Berichtes vom 22.07.1997 aus, dass sich neben den Merkmalen der Klägerin weitere Merkmale fänden, welche bei den Blutproben des Beklagten, des Wolfgang Z. und des Thomas H. zu finden seien, ohne dass aber alle Merkmale dieser Personen nachzuweisen seien. Als Ergebnis hält Dr. Förster fest: "Es ist daher weder nachweisbar noch auszuschließen, dass Harry W., Thomas H. oder Wolfgang Z. Mitspurenverursacher dieser Mischspur sein können."

Die dieser Interpretation zugrundeliegenden Ergebnisse der DNA-Analyse sind in der folgenden Tabelle zur Verdeutlichung nochmals dargestellt, wobei diejenigen Merkmale in den Genotypen der jeweiligen Personen durch Fettdruck hervorgehoben sind, die nicht in der Spur TO 20 außen nachweisbar waren (vier Merkmale beim Beklagten, zwei Merkmale bei Wolfgang Z. und drei Merkmale bei Thomas H.):

System Spur TO11 (außen) Andrea W. Harry Wörz Wolfgang Z. Thomas H.
D1S80 18/28 18/28 18/28 18 18/24
FES 11 11 10 11 10/11
vWA 16/17 16/17 17 15/17 16/17
FGA 18/(22)/23 18/23 22/25 20/23 20/22
SE33 24.2/25.2/(29.2)/30.2 (29.2)/30.2 20/25.2 29.2/30.2 24.2/30.2
TH01 9/9.3 9/9.3 6/9.3 9 9/9.3

Unterstrichene Befunde sind besonders stark.

Eingeklammerte Befunde sind nicht voll beweisfähig.

bb) Zur Gegenüberstellung sind in der folgenden Tabelle noch einmal die Ergebnisse der DNA-Analyse betreffend die Innenweite des Asservates TO 11 dargestellt, wobei wiederum die Merkmale durch Fettdruck hervorgehoben sind, die nicht in der Spur nachweisbar waren (ein Merkmal beim Beklagten, zwei Merkmale bei Wolfgang Z. und drei Merkmale bei Thomas H.):

System Spur TO11 (innen) Andrea W. Harry Wörz Wolfgang Z. Thomas H.
D1S80 18/28 18/28 18/28 18 18/24
FES (10)/11 11 10 11 10/11
vWA 16/17 16/17 17 15/17 16/17
FGA 18/22/23/25 18/23 22/25 20/23 20/22
SE33 19/20/25.2/(29.2)/30.2 (29.2)/30.2 20/25.2 29.2/30.2 24.2/30.2
TH01 9/9.3 9/9.3 6/9.3 9 9/9.3

Unterstrichene Befunde sind besonders stark.

Eingeklammerte Befunde sind nicht voll beweisfähig.

cc) Obwohl bei der Außenseite des Asservates-TO-20 vier Merkmale des Beklagten und bei Wolfgang Z. und Thomas H. zwei bzw. drei Merkmale in der Spur nicht nachweisbar waren, führt Dr. Förster diesbezüglich aus, dass weder nachweisbar noch auszuschließen sei, dass die genannten Personen Mitspurenverursacher der Mischspur sein können.

Bei der Innenseite des Asservates TO 11 dagegen gelangt Dr. Förster zu dem Ergebnis, dass Wolfgang Z. und Thomas H. als Spurenverursacher auszuschließen seien.

dd) Es ist nicht nachvollziehbar, weshalb bei der Außenspur TO 20 der Beklagte trotz vier fehlender Merkmale und Wolfgang Z. und Thomas H. trotz zwei bzw. drei fehlender Merkmale nicht als Spurenverursacher auszuschließen sind, während bei der Innenspur TO 11 Wolfgang Z. wegen zwei und Thomas H. wegen drei fehlender Merkmale als Spurenverursacher ausgeschlossen sein sollen. Weshalb der Sachverständige Dr. Förster trotz identischer Ausgangslage bei den beiden Fällen zu unterschiedlichen Interpretationen gelangt, ist nicht ersichtlich. Eine Differenzierung zwischen Spurenlegerschaft und Spurenverursachung nimmt Dr. Förster hier in seinen Berichten nicht vor.

h) Beachtlich ist weiterhin, dass bei der Innenseite des Asservates TO 11 auch das Merkmal 19 im System SE33 nachgewiesen wurde, welches keine der Vergleichspersonen in ihrem jeweiligen Genotyp aufweist. Diesbezüglich führt Dr. Förster in seinem Bericht vom 28.08.1998 (Seite 2) aus, dass das nachgewiesene Zellmaterial eines dritten Verursachers nicht durch das Anziehen des Handschuhs verursacht sein müsse, sondern auch zufällig angetragen worden sein könne. Bezeichnenderweise sei in den anderen nicht ganz so sensitiven Untersuchungssystemen kein Hinweis auf diesen dritten Verursacher gefunden worden, da die DNA-Menge dafür offenbar nicht ausgereicht habe. Da aufgrund der Anzahl der im System SE33 festgestellten Allele allerdings feststeht, dass mindestens eine dritte Person (Mit-)Spurenverursacher ist, macht dies deutlich, dass bei geringem Spurenmaterial ein Ausschluss einer bestimmten Person als Spurenverursacher selbst dann nicht angenommen werden kann, wenn nicht sämtliche Merkmale ihres Genotyps in der Spur nachgewiesen werden können.

i) Ein weiterer gewichtiger Umstand, der nach Auffassung der Kammer nicht außer Betracht gelassen werden kann, ist die Tatsache, dass in der Innenspur des Asservates TO 20 im DNA-System D1S80 überhaupt keine Merkmale nachgewiesen werden konnten.

aa) Der Sachverständige Dr. Förster erläuterte in der mündlichen Verhandlung vom 05.03.2001 diesbezüglich, dass es bei lediglich geringem Spurenmaterial vorkommen könne, dass in einzelnen Systemen keine Ergebnisse erzielt werden, weil der Spurenleger nicht seine gesamte DNA hinterlassen habe oder die vorhandene Menge nicht ausreiche, um bei der Analyse ein Ergebnis erzielen zu können. Wenn aber nicht einmal in der Spur selbst in jedem DNA-System überhaupt Merkmale nachgewiesen werden können, die Spur also "unvollständig" ist, belegt dies nach Auffassung der Kammer deutlich, dass bei geringen Spurenmengen aus dem "Fehlen" bestimmter Merkmale in der Spur kein formalgenetischer Ausschluss bestimmter Personen gefolgert werden kann.

bb) Die "vollständige" Übereinstimmung der Merkmale des Beklagten mit den bei der Innenseite der Spur TO 20 nachgewiesenen Merkmalen unterliegt daher der Einschränkung, dass in der Spur im System D1S8O keine Merkmale nachgewiesen werden konnten. Das System D1S8O belegt weder eine Übereinstimmung mit den Merkmalen des Beklagten noch widerlegt es sie. Es bleibt - da es kein Ergebnis erbracht hat - außer Betracht.

j) Als Ergebnis kann damit lediglich festgehalten werden, dass der Beklagte als Spurenverursacher der Innenspur des Asservates TO 11 nicht ausgeschlossen werden kann, da wegen der geringen DNA-Menge aus dem Fehlen des Merkmals 6 im System TH01 kein formalgenetischer Ausschluss gefolgert werden kann. Dasselbe gilt allerdings auch für sämtliche anderen Vergleichspersonen, die dann ebenfalls nicht als (Mit-)Spurenverursacher ausgeschlossen werden können. Die Kammer verkennt hierbei nicht, dass bei den anderen Personen in der Tat nicht nur ein Merkmal, sondern zwei oder mehr Merkmale in der Spur nicht nachweisbar sind. Wegen der geringen Spurenmenge kann unter Zugrundelegung der Ausführungen des Sachverständigen Dr. Förster dennoch nicht ausgeschlossen werden, dass die anderen Vergleichspersonen Mitverursacher der Mischspur sind und lediglich nicht ihre vollständige DNA hinterlassen haben. Lediglich der Vollständigkeit halber muss insoweit auch-darauf hingewiesen werden, dass die anhand Vergleichsblutes aus einer Damenbinde durchgeführte DNA-Analyse bezüglich Daniela H. zur Erzielung genauer Ergebnisse offensichtlich ungeeignet war, nachdem im System D1S8O drei und im System FGA sogar fünf Merkmale nachgewiesen wurden, ein Mensch allerdings maximal zwei Merkmale je System aufweisen kann. Das "Vergleichsblut" von Daniela H. besteht damit aus einer Mischspur, die von mindestens drei Personen verursacht ist.

8. Vor diesem Hintergrund ist auch die von Prof. Baur durchgeführte Wahrscheinlichkeitsberechnung mit gewissen Vorbehalten zu würdigen.

a) Dr. Förster führt in seinen Berichten vom 23.02.2001 (Seite 3) und 28.08.1997 (Seite 2) aus, dass eine Häufigkeitsberechnung der Merkmalskombination wegen der dann zweifelhaften Zuordnung nicht sinnvoll ist, wenn eine Person trotz in der Spur fehlender Merkmale lediglich wegen der geringen Spurenmenge nicht als Mitspurenverursacher ausgeschlossen werden könne." Dieser Einschätzung schließt sich die Kammer an.

b) So musste auch Prof. Baur bei der Berechnung, mit welcher Wahrscheinlichkeit der Beklagte als Verursacher der Spur TO 11 innen in Betracht kommt, das System TH01 außer Betracht lassen, weil hier das Merkmal 6 des Beklagten nicht nachweisbar war. Außerdem musste er unterschiedliche Berechnungen unter Einbeziehung bzw. unter Außerachtlassung des DNA-Systems FES durchführen, weil auch dort das Merkmal 10 des Beklagten nicht voll beweiskräftig war. In gleicher Weise ließen sich dann allerdings auch Wahrscheinlichkeitsberechnungen für die anderen Personen durchführen, bei denen nach Auffassung der Kammer ein formalgenetischer Ausschluss wegen der geringen Spurenmenge ebenfalls nicht angenommen werden kann. Auch hier wären Berechnungen möglich, indem einfach die DNA-Systeme, in welchen Merkmale dieser Personen nicht nachgewiesen sind, außer Betracht gelassen werden. Eine derartige Vorgehensweise führt dann aber - wie Dr. Förster in seinem Bericht vom 28.08.1997 zutreffend ausführt - letztlich dazu, dass durch die Angabe einer geringen Häufigkeit der Merkmalskombination ein hoher Beweiswert vorgetäuscht wird. Die zweifelhafte Zuordnung der Spur zu einer bestimmten Person bleibt dann nämlich unberücksichtigt.

c) Die auf der Innenseite des Asservates TO 20 nachgewiesenen Merkmale stimmen sämtlich mit den Merkmalen des Beklagten überein, wobei auch hier noch einmal darauf hinzuweisen ist, dass in der Spur im System D1S8O keine Merkmale nachgewiesen werden konnten, insoweit also weder eine Übereinstimmung mit dem Beklagten festgestellt noch eine solche ausgeschlossen werden kann. Der Beklagte kommt daher als Spurenverursacher in Betracht und zwar - nach den Berechnungen des Sachverständigen Prof. Baur - mit einer Wahrscheinlichkeit von 99,8881%. Die Klägerin und Kai W. sind nach den Interpretationen des Sachverständigen Dr. Förster trotz des im System TH01 fehlenden Merkmals 9 wegen der geringen Spurenmenge nicht als(Mit-)Spurenverursacher ausgeschlossen. Die Wahrscheinlichkeitsberechnungen für diese Personen sind daher aus den oben dargelegten Gründen ebenfalls kritisch zu würdigen, da sie lediglich durch Außerachtlassung des Systems TH01 ermöglicht wurden. Weiterhin muss berücksichtigt werden, dass auch bei der Innenspur des Asservates TO 20 die anderen Vergleichspersonen aus den unter Ziff. 6, 7 dargelegten Gründen ebenfalls nicht als (Mit-)Spurenverursacher ausgeschlossen werden können.

9. Wenn damit auch davon ausgegangen werden kann, dass der Beklagte als Mitverursacher der Innenspuren der Asservate TO 11 und TO 20 - bei letzterer mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit - in Betracht kommt, so besagt dies für sich allein noch nichts darüber, ob der Beklagte derjenige war, der die Klägerin tätlich angegriffen hat. Denn es bestehen nach Auffassung der Kammer - unter Berücksichtigung der dargelegten Ergebnisse der Gutachten - erhebliche Bedenken an der Tatrelevanz der bei den abgerissenen Fingerlingteilen gesicherten DNA-Spuren.

a) Die Auffindeorte der beiden Fingerlingteile im Bett und im Flur des Tatortanwesen, also dort, wo der Angriff auf die Klägerin begann und endete, und die DNA-Analyse der Spuren an den Außenseiten der beiden Fingerlinge, bei denen die Klägerin als Spurenverursacherin in Betracht kommt, sprechen isoliert betrachtet dafür, dass der Täter bei dem Drosselungsangriff auf die Klägerin Einweghandschuhe getragen hat und die entsprechenden Fingerlinge durch Abwehrgriffe der Klägerin oder im Todeskampf abgerissen wurden. Auf diese Weise ließe sich erklären, dass sich auf den Außenseiten der beiden Fingerlinge jeweils Zellmaterial nachweisen ließ, für welches die Klägerin - da ihr Genotyp in sämtlichen untersuchten DNA-Systemen nachgewiesen wurde - als Hauptspurenverursacherin in Betracht kommt.

b) Die Außen- und Innenseiten der abgerissenen Fingerlinge können allerdings nicht jeweils isoliert voneinander betrachtet werden.

aa) Beachtlich ist zunächst, dass auch die Klägerin als (Mit-)Spurenverursacherin der Innenspuren TO 11 und TO 20 in Betracht kommt. Bezüglich der Innenseite des Asservates TO 11 ist sie sogar als Hauptspurenverursacherin anzusehen, da sich ihre sämtlichen Merkmale in der Spur wiederfinden. Auch sämtliche Merkmale des Kindes Kai W. finden sich in der Innenspur des Asservates TO11. An der Innenseite des Asservates TO 20 fehlt bei der Klägerin und Kai W. jeweils das Merkmal 9 im System TH01. Ein Ausschluss als Spurenverursacher kann hier wegen der geringen Spurenmenge nicht angenommen werden (vgl. oben Ziff. 6,7).

bb) Zu berücksichtigen ist weiterhin, dass auf den Innenseiten der beiden Fingerlingteile Mischspuren gesichert wurden, die von mindestens drei Mitspurenverursachern herrühren müssen, da im System SE33 fünf (TO 11) bzw. sechs (TO 20) verschiedene Merkmale gefunden wurden, ein Mensch allerdings maximal zwei unterschiedliche Merkmale je System aufweisen kann. Hinzu kommt, dass bestimmte Allele (das Allel 19 im System FGA und die Allele 14 und 19 beim System SE33) keiner der untersuchten Personen zugeordnet werden können.

(a) Es stellt sich daher die naheliegende Frage, wie bei den vom Täter benutzten Einweghandschuhen Spuren der Klägerin und weiterer Personen an die Innenseiten der von ihm getragenen Handschuhe gelangen konnten. Wie der Sachverständige Dr. Förster bereits in seinem schriftlichen Bericht vom 28.08.1997 ausführte, könne es sich um Spuren handeln, die nicht beim Anziehen des Handschuhs verursacht sein müssen, sondern zufällig angetragen worden sein können. In der mündlichen Verhandlung vom 05.03.2001 stellte der Sachverständige Dr. Förster den Erklärungsversuch in den Raum, dass die Fingerlinge möglicherweise zunächst nur teilweise abgerissen waren und infolgedessen auch noch an der Innenseite mit der Klägerin in Kontakt kamen. Mag dies auch durchaus ein möglicher und plausibler Erklärungsversuch sein, so bleibt doch die Frage, wie dann - da mindestens drei Personen die Mischspuren verursacht haben - noch weitere Merkmale anderer Personen an die Innenseiten der Fingerlinge gelangt sind.

(b) Außerdem sind auch andere, ebenso naheliegende Erklärungsmöglichkeiten denkbar. Es ist unstreitig, dass der Beklagte häufig Einweghandschuhe benutzt hat. Er war außerdem mit der Klägerin verheiratet und wohnte zeitweilig auch mit dieser zusammen in dem Tatortanwesen, wenn auch nicht in der Erdgeschosswohnung, so aber doch in der Einliegerwohnung im Untergeschoss. Es erscheint der Kammer daher - was der Beklagte auch geltend macht - nicht fernliegend, dass sich im Tatortanwesen und möglicherweise sogar im konkreten Tatortzimmer auch noch Handschuhe befanden, die der Beklagte in früherer Zeit getragen hatte und die möglicherweise ein anderer, bislang unbekannter Täter benutzt hat. Im Ergebnis bestreitet die Klägerin selbst auch gar nicht, dass sich im Tatortanwesen noch vom Beklagten getragene Handschuhe befunden haben können. Die Klägerin trägt diesbezüglich lediglich vor, es komme nicht darauf an, welche Vinylhandschuhe am Tatort herumgelegen hätten und ob diese letztendlich von ihr oder dem Beklagten stammten, da zwei Fingerlinge aufgefunden worden seien, die die DNA-Spuren des Beklagten aufgewiesen hätten. Dass der Beklagte als (Mit-)Spurenverursacher der an den Innenseiten der beiden Fingerlinge gesicherten Spuren in Betracht kommt, besagt aber noch nicht, dass diese Spuren anlässlich eines von dem Beklagten auf die Klägerin durchgeführten Angriffs angetragen wurden. Zum einen ist die durchgeführte DNA-Analyse - wie Dr. Förster im Bericht vom 22.07.1997 (Seite 10) ausführt - äußerst sensitiv, so dass oft kleinste Mengen kernhaltigen Zellmaterials nachweisbar seien, egal, ob tatrelevant oder legal angetragen, mit der Folge, dass - wie Dr. Förster im Bericht vom 28.08.1997 (Seite 2) weiter darlegt -über die Tatrelevanz bei Hautantragungen keine Angaben gemacht werden könnten. Zum anderen erläuterte Dr. Förster in der mündlichen Verhandlung vom 05.03.2001 auch, dass keinerlei Aussage über den Zeitpunkt der Antragung des Zellmaterials gemacht werden könne. Unter Umständen könne die Spur - so der Sachverständige - bereits mehrere Jahre alt sein. Auch dies belegt, dass die Annahme, am Tatort könnten sich noch vom Beklagten zu früheren Zeitpunkten getragene Einweghandschuhe befunden haben, eine durchaus naheliegende und nicht lediglich theoretisch mögliche Überlegung darstellt, die an den Innenseiten der Fingerlinge gesicherten Spuren zu erklären. Es kommt hinzu, dass - wie der Sachverständige Dr. Förster in der mündlichen Verhandlung vom 05.03.2001 ebenfalls erklärte - es bei Hautspuren auch auf die jeweilige Spurengebereigenschaft einer Person ankomme. Es gebe Personen, die beispielsweise beim Anfassen eines bestimmten Gegenstandes mehr DNA oder Hautschuppen hinterließen als andere Personen. Es ist daher auch nicht ausgeschlossen, dass der Täter - wenn er überhaupt die Handschuhe getragen haben sollte, von denen die abgerissenen Fingerlinge stammen - mangels guter Spurengebereigenschaft keine DNA-Menge hinterließ, in welcher seine gesamten Merkmale nachweisbar sind.

10. Der Beweiswert der beiden abgerissenen Fingerlinge und der hieran gesicherten DNA-Spuren bleibt auch noch aus weiteren Gründen zweifelhaft.

a) Bei der Durchsuchung des Tatortanwesens Erlenstraße 10 in Birkenfeld am 02.05.1997 wurden nicht nur Einweghandschuhe, sondern im Kinderzimmer auch eine Tüte mit einer Vielzahl von Fingerlingen aufgefunden. Der Vater der Klägerin, Wolfgang Z., erklärte in der mündlichen Verhandlung vom 06.04.2001 zu der Tüte Fingerlingen, dass diese wohl gemeinsam mit Arzneimitteln für das Kind nicht erreichbar aufbewahrt gewesen seien. Möglicherweise habe seine Frau die Fingerlinge dazu verwendet, Medikamente rektal bei dem Kind einzuführen.

b) Die im Kinderzimmer aufgefundenen Fingerlinge wurden im Strafverfahren gegen den Beklagten keiner kriminaltechnischen Untersuchung zugeführt und blieben - soweit dies der Kammer aus den Akten ersichtlich ist - auch sonst unberücksichtigt.

Aa) Im Ordner "KT-Maßnahmen" der Strafakte - sowohl im paginierten Original als auch im nicht paginierten Doppel dieses Ordners -, welcher die kriminaltechnischen Untersuchungen beinhaltet, ist der Durchsuchungsbericht vom 02.05.1997 (AS 55 dieses Ordners) nicht vollständig enthalten, was im Inhaltsverzeichnis (AS 9 dieses Ordners) auch so vermerkt ist. In beiden Ordnern (Original und Doppel) findet sich auf der ersten Seite des Berichts der originalhandschriftliche, mit dem Kürzel "Co" (KHK Conle) abgezeichnete Vermerk "auszugsweise". Die Seiten 3 und 4 dieses von KHM Jung unterzeichneten Berichts fehlen. Die auf diesen Seiten aufgeführten Asservate sind nicht in die Asservatenlisten aufgenommen worden. Vermerkt sind sie lediglich auf der im Ordner l enthaltenen grünen Ü-Stückkarte. Der vollständige Bericht findet sich im Ordner l, Ziff. II, AS 175 ff. der Strafakte.

bb) Auf Seite 3 des Berichtes vom 02.05.1997 ist unter Ziff. 20 folgendes ausgeführt: "Von Kollege Zickwolf wird im Kinderschlafzimmer eine Plastiktüte mit einer Vielzahl von Gummifingerlingen aufgefunden. Diese befanden sich in einem roten metallenen Werkzeugkasten, der als Verbandskasten benutzt wird. Der rote Metallkasten stand auf dem Kinderzimmerkleiderschrank. Das Asservat erhält die laufende Nummer 8."

cc) Weshalb der Durchsuchungsbericht im Ordner KT-Maßnahmen nicht vollständig enthalten ist und diese Fingerlinge nicht in die kriminaltechnischen Untersuchungen mit einbezogen wurden, blieb auch nach der in der mündlichen Verhandlung vom 06.04.2001 durchgeführten Beweisaufnahme unklar. Nach Auffassung der Kammer wird hierdurch der aus den bereits dargelegten Gründen ohnehin zweifelhafte Beweiswert der beiden abgerissenen Fingerlinge TO 11 und TO 20 zusätzlich in Frage gestellt.

dd) Der Zeuge KOM Zickwolf berichtete, dass er - soweit er sich erinnere - gewusst habe, dass am Tatort zwei abgerissene Fingerlinge aufgefunden worden waren und er den von ihm aufgefundenen Fingerlingen seiner Erinnerung nach auch eine gewisse Bedeutung beigemessen habe. Er meine, dass die Asservate anschließend von der sachbearbeitenden Dienststelle, also dem damaligen Dezernat l, mitgenommen worden seien. An irgendeine Befragung von Anwesenden über die Fingerlinge könne er sich nicht erinnern.

ee) Der Zeuge KHK Perplies berichtete, dass er der zuständige Kriminaltechniker gewesen sei. Von den Fingerlingen, um die es jetzt wohl gehe, habe er "aber erst heute erfahren", also am Tag der mündlichen Verhandlung vom 06.04.2001. Diese Fingerlinge stünden auch nicht in der Asservatenliste, die er damals gefertigt habe. Es sei wohl schon richtig, dass die Fingerlinge letztlich auch in der anderen Asservatenliste hätten auftauchen müssen. Warum die Fingerlinge aber nicht zu einer weiteren Untersuchung an das Landeskriminalamt übersandt wurden, könne er nicht sagen. Er könne sich dies eigentlich nur so erklären, dass sie in der äußeren Erscheinungsform deutlich von den aufgefundenen abwichen, da sie verstärkte Enden hätten und nicht abgerissen seien. Mit der weiteren Bearbeitung habe er dann aber insofern nichts zu tun gehabt. Gesicherte Asservate würden in der Regel an die Kriminaltechnik weitergegeben, wenn eine Untersuchung oder deren fotografische Sicherung erforderlich sei. Grundsätzlich entscheide über das weitere Vorgehen und etwaige weitere Untersuchungen der Sachbearbeiter des zuständigen Dezernats gemeinsam mit der Kriminaltechnik. Man rede also über diese Dinge. Bezüglich der Fingerlinge wisse sein Kollege Dürrsperger, der Endsachbearbeiter der Kriminaltechnik gewesen sei, wahrscheinlich mehr als er. An ihm seien diese Fingerlinge jedenfalls aus ihm nicht bekannten Gründen "vorbeigegangen". Dies möge, auch seine Schuld gewesen sein, wenn er sich insofern nicht informiert habe. Aus welchen Gründen er aber nicht davon erfahren habe, könne er letztlich nicht mehr sagen. Gespräche mit der Staatsanwaltschaft darüber, welche Asservate zu untersuchen seien und welche nicht, seien ihm nicht in Erinnerung. An solchen sei er nicht beteiligt gewesen. Wer die grüne Ü-Stückkarte erstellt habe, wisse er nicht; er könne nur vermuten, dass es der Endsachbearbeiter der Kriminaltechnik gewesen sei. Ob die auf der grünen Ü-Stückkarte genannten Asservate zu Gericht gelangt seien, wisse er ebenfalls nicht. Auch zu möglichen anderen Asservaten wie Anzeigen, Adressen usw., könne er nichts sagen.

ff) Der Zeuge KOK Jung erklärte, dass er den Bericht vom 02.05.1997 gefertigt habe. Sein Auftrag sei gewesen, gemeinsam mit Kollegen das Wohnanwesen noch einmal "von oben bis unten" gründlich zu durchsuchen. Er habe die Asservate zusammen mit dem vollständigen Bericht dem Sachbearbeiter KHK Conle übergeben. Im Weiteren habe er dann keinen Einfluss mehr auf die kriminaltechnische Untersuchung der Asservate gehabt. Der Bericht gelange zum Sachbearbeiter und werde von diesem zur Akte genommen. Dass der Bericht im Ordner KT-Maßnahmen nicht vollständig enthalten sei, könne er sich nur so erklären, dass möglicherweise der Bericht auszugsweise an die Kriminaltechnik gegangen sei, wenn insofern noch Dinge zu veranlassen gewesen seien. Darüber hinaus habe er aber keine Erklärung, warum dort zwei Seiten fehlten. Er habe jedenfalls Herrn Conle den kompletten Vermerk von sechs Seiten übergeben. In dieser Form müsse er sich in der Ermittlungsakte befinden. Wegen des Umfanges der Akten werde in den KT-Ordner nur das eingeordnet, was von der Kriminaltechnik noch weiter veranlasst werde. Wenn man den Bericht fertige, lege man diesen dem Sachbearbeiter vor und weise dann eigentlich nur noch auf die interessanten Punkte hin. Die Fingerlinge seien insofern interessant gewesen, als der Auftrag ja der gewesen sei, insbesondere auch nach Fingerlingen und allem, was damit zusammenhänge, zu suchen. Ob erden Kollegen Conle noch einmal ausdrücklich darauf hingewiesen habe, könne er nicht sagen. Er könne sich aber noch daran erinnern, wo diese Tüte aufgefunden worden sei, nämlich in einem Metallkasten auf dem Kinderzimmerschrank, der im übrigen Kinderarzneimittel, wie Fieberzäpfchen usw., beinhaltet habe. Ob es bei seiner Vernehmung vor dem Schwurgericht im Einzelnen um die Asservate und diese Fingerlinge gegangen sei, könne er nicht sagen. Letztlich sei es der zuständige Sachbearbeiter, in diesem Fall also Herr Conle, der darüber entscheide, welche Asservate weiter untersucht würden und welche nicht. Gegebenenfalls könne dies aber auch zusammen mit dem Kriminaltechniker erfolgen.

gg) Der Zeuge KHK Conle erklärte: Wenn Kollegen für ihn ein Anwesen durchsuchten, übergäben sie ihm dann in der Regel den Bericht und die Asservate; er schaue den Bericht durch und prüfe die Asservate auf die Vollständigkeit. Außerdem prüfe er die Asservate auf deren Relevanz. Wenn er die Asservate nicht für relevant halte, kämen diese in der Regel in eine Kiste oder einen Karton, der bei ihm im Büro verwahrt werde. Wenn er sie für relevant halte, würden sie in der Regel an die Kriminaltechnik weitergegeben, sofern etwas zu untersuchen sei. Der Bericht selbst fließe dann in die Akte ein.

Auf Vorhalt, dass im Bericht vom 02.05.1997 im KT-Ordner die Seite 3 und 4 fehlen, erklärte der Zeuge: Er könne dazu nur sagen, dass diese Seiten offensichtlich fehlten, weil er vorne ja auch "auszugsweise" darauf geschrieben habe. Auf Nachfrage führte er sodann aus, dass er die Seiten spare, in denen keine relevanten Sachen auftauchten. Wenn er den Bericht nochmals ansehe, so denke er, dass die dort angebrachten roten Striche von ihm gekommen seien, um eine Erklärung für die Kriminaltechnik zu geben, was es mit den jeweiligen Asservaten auf sich habe. Die Fingerlinge habe er nicht für relevant gehalten. Es werde also so gewesen sein, dass er der Kriminaltechnik nur die gekennzeichneten Gegenstände habe zuleiten wollen, hier also z.B. die Haare von der Kopfverletzung des Wolfgang Z.. Die Seiten 3 und 4 des Berichtes habe er dann offensichtlich jedenfalls für kriminaltechnische Untersuchungen nicht für relevant gehalten. Die Asservate seien danach bei ihm im Büro verblieben.
Er habe die Fingerlinge deshalb nicht für relevant gehalten, weil am Tatort ja abgerissene Fingerlinge gefunden worden seien, es sich hier aber um industriell gefertigte Fingerlinge handele. In diesem Kontext habe er keine Relevanz gesehen.

Wenn ihm vorgehalten werde, dass die Fingerlinge z.B. im Hinblick auf eine DNA-Untersuchung für den Beklagten von Bedeutung gewesen sein könnten, so sei dies aus heutiger Sicht wohl schon richtig. Später erklärte der Zeuge auf nochmalige Nachfrage dann allerdings, dass er die Relevanz der Fingerlinge auch heute nicht anders sehe. Er würde die Fingerlinge heute immer noch nicht untersuchen lassen. Der Zeuge erklärte hierzu wörtlich: "Dann hätten wir ja viele Dinge in der Wohnung untersuchen lassen können, an denen Fingerabdrücke von Harry Wörz hätten sein können. Man muss insoweit auch wirtschaftlich und ökonomisch vorgehen, denn die Untersuchungen kosten viel Geld und das LKA nimmt ja auch nicht alles an. "

Die sichergestellten Gegenstände würden in die Asservatenliste und die Ü-Stückkarte aufgenommen. Die Ü-Stückkarte sei wohl von ihm geschrieben worden. Die Asservatenliste habe offensichtlich Herr Dürrsperger gefertigt. In letztere werde aber nur eingetragen, was auch an die Kriminaltechnik gelangt sei, im Ergebnis also das, was er dorthin weitergegeben habe. Für die Frage, was im Einzelnen untersucht werde, sei er als Sachbearbeiter letztendlich verantwortlich, wobei er sich schon mit Herrn Dürrsperger abgesprochen habe. Er habe die Fingerlinge zwar nicht für relevant gehalten, sie aber natürlich in die Ü-Stückkarte aufgenommen, weil er ja keine Asservate unterschlage.

Die Fingerlinge habe er über Herrn Staatsanwalt Lorenz am 26.03.2001 in einem Karton zurückbekommen. Sie seien offensichtlich im Strafprozess vom Gericht angefordert worden. Ob sie dem Schwurgericht vorgelegen hätten, wisse er nicht aus eigener Anschauung. Seiner Kenntnis nach habe aber der gesamte Karton dem Schwurgericht vorgelegen. In dem Karton hätten sich im übrigen die Asservate HW 70, TT 02, TT 21, TO 11, TO 20, Handschuhe, diese Tüte Fingerlinge, diverse Einweghandschuhe sowie das Band vom Notruf befunden. Diese Dinge seien seiner Kenntnis nach auch Gegenstand der Hauptverhandlung gewesen.

Üblicherweise werde in der Ü-Stückkarte vermerkt, wenn die Asservate herausgegeben werden. Dies könne aber auch einmal unterbleiben, z.B. in Urlaubszeiten.

Er wisse nicht, ob er damals Familie Z. befragt habe, welche Bedeutung die Fingerlinge aus dem Kinderzimmer hätten. Er müsse insofern seine Vernehmungsprotokolle einsehen. Wenn ihm gesagt werde, dass sich in diesen nichts finde, so sei ihm auch nichts mehr in Erinnerung.

Er habe nicht überlegt, ob es einen Zusammenhang zwischen den abgerissenen Fingerlingen und Kai gebe. Die anderen Fingerlinge seien offensichtlich in ganz anderem Kontext aufgefunden worden.

Bestimmt sei es auch mit Staatsanwalt Lorenz um diese Fingerlinge gegangen. Dieser habe sie aber offensichtlich auch nicht für relevant gehalten, da er sonst ja wohl etwas gesagt hätte, wenn er -KHK Conle - dies übersehen hätte.
Er meine, sich auch mit Herrn Dürrsperger oder Herrn Perplies hierüber abgesprochen zu haben, und es schien wohl auch die Dicke und die Beschaffenheit der Fingerlinge aus dem Kinderzimmer eine andere gewesen zu sein, als die der abgerissenen. Demgegenüber schienen ihm die abgerissenen Fingerlinge aufgrund ihrer Lage und aufgrund des Gesamtkontextes auf jeden Fall tatrelevant zu sein.

Warum er die im Kinderzimmer gefundenen Fingerlinge im Schlussbericht nicht erwähnt habe, könne er damit begründen, dass er diese eben aus damaliger Sicht - wie vieles andere - nicht für erwähnenswert gehalten habe. Er habe sie nicht unterschlagen wollen, habe dies aber nicht für so wichtig gehalten, dass es in einen 50-seitigen Schlussbericht eingehen sollte.

Wenn er gefragt werde, warum die fragliche Tüte mit Fingerlingen zu den letzten noch aufbewahrten Asservaten gehöre, obwohl er diesen keine Relevanz beigemessen habe, so liege dies daran, dass sie eben bis zum 26.03. diesen Jahres bei der Staatsanwaltschaft gewesen seien, von wo sie ihm im Hinblick auf "die Ladung zum heutigen Termin", also zum 06.04.2001, übergeben worden seien.

hh) Die im Kinderzimmer von Kai aufgefundene Tüte mit Fingerlingen wurde von dem Zeugen KHK Conle in der mündlichen Verhandlung vom 06.04.2001 vorgelegt. Es handelt sich - soweit ersichtlich - um eine Vielzahl einzelner Fingerlinge mit verstärkten Enden, also nicht um von Handschuhen abgerissene Fingerlinge. Die Kammer verkennt nicht, dass diese Fingerlinge mit den beiden abgerissenen Fingerlingen TO 11 und TO 20 vom äußeren Erscheinungsbild her nicht übereinstimmen. Ungeklärt blieb letztlich aber der Verwendungszweck dieser Fingerlinge. Eine Befragung der Eltern der Klägerin fand nach den Angaben der hiesigen Zeugen nicht statt. Auch aus der Strafakte ergibt sich - soweit ersichtlich -nichts. Der Vater der Klägerin stellte in der mündlichen Verhandlung vom 06.04.2001 ebenfalls nur Vermutungen an. Auch sonst finden die Fingerlinge in der Strafakte keine Erwähnung mehr; lediglich auf der grünen Ü-Stückkarte sind sie vermerkt. Im Schlussbericht vom 26.09.1997 führt der Sachbearbeiter KHK Conle auf Seite 9 aus, dass mangels Geständnisses des Beklagten nur durch umfangreiche und personalintensive Ermittlungen der Tat- verdacht zu untermauern gewesen sei. Er führt dann weiter aus: "Beispielhaft angeführt war notwendig, die gesamten Rettungskräfte zum Verbleib ihrer Einweghandschuhe zu befragen, um bezüglich der aufgefundenen Fingerlinge eine Tat-/Täterrelevanz festzustellen." Die im Kinderzimmer gefundenen Fingerlinge finden keine Erwähnung, wie der Zeuge KHK Conle erklärte, weil er sie nicht für relevant hielt. Da diese Fingerlinge nicht in die kriminaltechnischen Untersuchungen mit einbezogen wurden - es wurde weder eine DNA-Analyse noch einer Materialvergleichsanalyse durchgeführt -sind sie auch nicht auf den Asservatenlisten im KT-Ordner der Strafakte verzeichnet. Andererseits wurden sie allerdings - obwohl, wie der Zeuge KHK Conle erklärte, er und der Staatsanwalt keine Relevanz erkennen konnten - bis zum heutigen Tag aufbewahrt.

Der Kriminaltechniker KHK Perplies hinterließ bei seiner Vernehmung den Eindruck, selbst überrascht zu sein, dass bestimmte Asservate "an ihm vorbei" gegangen und nicht untersucht worden waren. Das Fehlen der zwei Seiten des Berichts im KT-Ordner damit begründen zu wollen - wie die Zeugen KOK Jung und KHK Conle es taten -, dass man wegen des Umfangs der Ordner nur die Seiten einhefte, die für die Kriminaltechnik interessant seien, erscheint wenig plausibel, da zwei weitere Seiten den Umfang des Ordners sicher nicht maßgeblich erhöht hätten. Wenn der Zeuge KHK Conle zudem darauf abstellt, dass es ihm wohl nur um die bei dem Bericht am Rand mit Rotstift markierten Punkte (Ziff. 9-12 und 30 des Berichts) gegangen sei, hätte er der Kriminaltechnik lediglich die Seiten 2 und 5 des Berichts zur Verfügung stellen und sich die Seiten 1 und 6 ebenfalls "sparen" können.

Weshalb der Endsachbearbeiter KHK Conle - anders als die Zeugen KOM Zickwolf und KOK Jung - der Tüte Fingerlinge keinerlei Bedeutung beigemessen hat, ist ebenfalls nicht nachvollziehbar. Die im Kinderzimmer in einem als Verbandskasten benutzten Metallkasten gefundenen Fingerlinge unterscheiden sich zwar vom äußeren Eindruck her - insbesondere wegen der verstärkten Enden - von den beiden abgerissenen Fingerlingen. Ungeklärt ist allerdings der Verwendungszweck dieser Fingerlinge, so dass sich in diesem Zusammenhang die Frage stellt, ob möglicherweise auch die beiden abgerissenen Fingerlinge gar nichts mit dem Täter zu tun haben, sondern lediglich für andere Zwecke verwendet worden waren. Nicht nachgegangen wurde ferner der Frage, ob es sich bei den beiden abgerissenen Fingerlingen um Teile von einzelnen Fingerlingen - ähnlich den im Kinderzimmer gefundenen - handeln könnte, bei denen nur das verstärkte Endstück abgerissen wurde, so dass es sich möglicherweise gar nicht um von Handschuhen abgerissene Fingerlinge handeln müsste. Materialvergleichsanalysen oder andere Untersuchungen wurden diesbezüglich nicht veranlasst.

Auf die Frage, ob eine DNA-Analyse der Fingerlinge für den Beklagten hätte von Bedeutung sein können, antwortete der Zeuge KHK Conle widersprüchlich. Zunächst erklärte er, dass dies "aus heutiger Sicht" schon sein könne. Auf nochmalige Nachfrage erklärte er dann aber, dass er die Fingerlinge auch heute nicht untersuchen lassen würde.

In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, dass es nicht darum geht, den im Kinderzimmer gefundenen Fingerlingen eine Tatrelevanz beizumessen, sondern darum, ob die abgerissenen Fingerlinge - wie der Zeuge KHK Conle in seinem Schlussbericht selbst ausführt - Tat- bzw. Täterbezug haben. Im Strafverfahren gegen den Beklagten wurde - was nunmehr auch die Klägerin geltend macht - davon ausgegangen, dass die abgerissenen Fingerlinge nur vom Täter stammen können und sie auf den Beklagten als Täter hindeuten, weil dieser als Spurenverursacher des in den Fingerlingen gesicherten Zellmaterials in Betracht kommt. Nach den Ausführungen des Sachverständigen Dr. Förster im vorliegenden Verfahren kann allerdings nicht ausgeschlossen werden, dass es sich hierbei auch um gegebenenfalls Jahre vor der Tat legal angetragenes Zellmaterial des Beklagten handelt. Vor diesem Hintergrund wäre durchaus von Bedeutung, ob sich im Tatortanwesen Einweghandschuhe oder Fingerlinge ohne Tatrelevanz befanden. die gleichwohl Spurenmaterial des Beklagten aufwiesen. Die Tatrelevanz der DNA-Spuren in den abgerissenen Fingerlingen würde damit erheblich in Zweifel gezogen.
Der zuständige Sachbearbeiter KHK Conle hat den Fingerlingen jedoch keinerlei Relevanz beigemessen und auch aus Kostengründen von einer kriminaltechnischen Untersuchung abgesehen.

11. Entgegen der Annahme der Klägerin kann schließlich auch nicht davon ausgegangen werden, dass es zu einem Abreißen der Fingerlinge deshalb gekommen sei, weil beim Beklagten zwei Fingerendgliedamputationen vorliegen. Die Amputationen beim Beklagten befinden sich am Ringfinger und dem kleinen Finger der linken Hand. Bei dem Asservat TO 11 ergibt sich nach dem Untersuchungsbericht des Landeskriminalamtes Baden-Württemberg die beste Übereinstimmung mit Fingern von Vergleichshandschuhen der Größe "mittel" mit - soweit möglich - folgender Priorisierung: Zeigefinger, Ringfinger, Mittelfinger. Das Asservat TO 20 dagegen lässt sich am ehesten einem Daumen eines Handschuhes der Größe "groß" zuordnen. Dass es sich bei dem Asservat TO 20 am ehesten um einen Daumenabschnitt handelt, wird auch aus dem Lichtbild dieses Asservates deutlich (Lichtbildmappe der Strafakte). Bereits die als eine der ersten am Tatort eingetroffene Polizeibeamtin PM'in Sonja L. bezeichnete diesen Fingerling in ihrem Bericht als Daumenabschnitt (Strafakte, Ordner l, Ziff. l, AS 113). Die Amputation eines Daumens liegt bei dem Beklagten allerdings unstreitig nicht vor.
Ausweislich des Untersuchungsberichts des Sachverständigen Dr. Kugler des Landeskriminalamtes Baden-Württemberg vom 15.01.1998 (Strafakte, Band VI, AS 717 ff.) wurden ferner Versuche zur Reißfestigkeit von Einweghandschuhen durchgeführt. Hierbei wurde nach der Versuchsbeschreibung zugrundegelegt, dass sich in dem abzureißenden Fingerling kein Finger befindet, dieser also leer ist (Ziff. 1.3 des Untersuchungsberichts). Bei einer Zugkraft von 25 N werde der Vinylhandschuh - so der Sachverständige - von der Hand gezogen. Nur wenn der Handschuh festgehalten oder eingeklemmt werde, könne die Zugkraft erhöht werden, bis der Fingerling etwa bei 100 N abreiße.
Das Abreißen eines Fingerlings ist daher nur unter bestimmten Umständen möglich, wobei der Ausgangspunkt der Reißversuche, dass der jeweilige Fingerling leer ist, ohnehin nicht zugrundegelegt werden kann, soweit es um das Abreißen des Daumenabschnitts geht. Es erscheint auch vor diesem Hintergrund zumindest zweifelhaft, ob es der Klägerin gelingen konnte, jeweils einen Fingerling von beiden Händen des Täters abzureißen, wenn zumindest der Daumenabschnitt nicht lose überstand.