Das Urteil

Urteil, Landgericht Karlsruhe

Teil 2

Im Tatortanwesen wurde eine weiße Plastiktüte mit auffälligem Inhalt aufgefunden, die dem Angeklagten zuzuordnen ist.

Diese Plastiktüte stand, wie die Zeugen KHM Polley, dem sie als erstem auffiel, und KHK Perplies, der sie noch am Tattag gesichert hat, glaubhaft ausgesagt haben und wie die Kammer durch Inaugenscheinnahme des Lichtbilds Nr. 16 der Bildmappe vom Tatortanwesen (Bildmappe l, AS 237 ff. in LO IV) nachvollziehen konnte, im Erdgeschoß der Tatortwohnung im Bereich des Kellerabgangs angelehnt an die - von unten gesehen - linke Wand des Abgangs in das Untergeschoß.
Im Rahmen der umfangreichen kriminalpolizeilichen Ermittlungen konnte - wie die Zeugen KOK Kühner und KHK Conle glaubhaft bekundet haben -festgestellt werden, daß diese ca. 20 x 30 cm große Plastiktüte, die mit einem einen stilisierten Mörser darstellenden "Logo"-Aufdruck versehen ist, von der Firma PERGA-Plastik, Walldürrn, wie tausende andere gleichartige Plastiktüten auch im Auftrag der in Pforzheim, Westliche 23 gelegenen Stadtapotheke produziert wurde. In der genannten Apotheke wurden derartige Plastiktüten als Verpackungsbehältnisse an Kunden ausgehändigt. Ob und gegebenenfalls an wen die im Tatortanwesen sichergestellte Plastiktüte ausgegeben wurde, war nicht mehr feststellbar.
Der Inhalt der im Tatortanwesen aufgefundenen Plastiktüte weist jedoch Besonderheiten auf, die nach Überzeugung des Schwurgerichts die Schlußfolgerung rechtfertigen, daß die Tüte dem Angeklagten zuzuordnen ist. Nach der glaubhaften Aussage des Zeugen KHK Perplies enthielt die Plastiktüte folgende Gegenstände: ein olivfarbenes Dreieckshalstuch, ein weiteres baumwollenes, olivfarbenes, rechteckiges, 520 mm x 480 mm großes Taschentuch, einen Einweghandschuh aus Latex, zwei Einweghandschuhe aus Vinylmaterial, eine Zigarettenschachtel der Marke "Marlboro" (rot) sowie eine Zigarettenschachtel der Marke "Marlboro-Lights" (weiß). In der roten Marlboroschachtel befanden sich drei aufgeschnittene und sodann an den Schnittstellen mit braunem Klebeband wieder zugeklebte Folienbeutelchen ohne Inhalt. Die weiße Marlboro-Lights-Schachtel enthielt insgesamt sieben durchsichtige, verschweißte Plastiktütchen mit jeweils einer weißen pulvrigen Substanz als Inhalt. Nach der glaubhaften Aussage des Zeugen KHM Jung ergab eine von ihm am 29.04.1997 durchgeführte Abwiegung, daß sich in den sieben Plastiktütchen jeweils ca. 1 g dieser Substanz befand; ein von ihm vorgenommener Rauschgiftvortest habe bei dem Pulver einen eindeutigen Hinweis auf Amphetamin ergeben. Aufgrund des in der Hauptverhandlung am 15.01.1998 gemäß § 251 Abs. 2 StPO verlesenen Gutachtens des Landeskriminalamts Baden-Württemberg - Kriminaltechnisches Institut - vom 16.06.1997 steht fest, daß die von dem Sachverständigen Dipl.-Chem. Dr. Metzulat durchgeführte Untersuchung dieser Substanz den Nachweis erbracht hat, daß es sich hierbei um Amphetaminsulfat mit Beimengungen von Lactose handelt.
Es steht weiter fest, daß der Angeklagte zum Zeitpunkt der Tat Raucher der Zigarettenmarke "Marlboro" (rot) war und seine Freundin Claudia F. damals Zigaretten der Marke "Marlboro-Lights" (weiß) rauchte. Dies hat der Angeklagte in der Hauptverhandlung selbst eingeräumt, und dies hat im übrigen die Zeugin Claudia F. bei ihrer Vernehmung glaubhaft bestätigt.
Der Angeklagte hat weiter in der Hauptverhandlung eingeräumt, daß er die Angewohnheit gehabt habe, leere Zigarettenschachteln nicht immer sogleich in den Abfall zu werfen, sondern sie gelegentlich als Aufbewahrungsbehältnis für kleinere Gegenstände zu verwenden. Die Richtigkeit dieser Einlassung des Angeklagten wird im übrigen dadurch belegt, daß nach der glaubhaften Aussage des Zeugen KHK Kronenwett durch ihn bei einer am 30.04.1997 erfolgten Durchsuchung der Wohnung des Angeklagten in Gräfenhausen u.a. zwei "Marlboro''-Schachteln (rot) ohne Zigaretten aufgefunden wurden, die als Aufbewahrungsbehältnisse dienten; eine "Marlboro"-Schachtel befand sich in der oberen Schublade einer im Wohnungsflur stehenden Kommode und enthielt Süßstoffdragees, eine weitere "Marlboro"-Schachtel mit Münzgeld wurde in einem im Schlafzimmer befindlichen Rucksack aufgefunden.

Bei der am 30.04.1997 durchgeführten Wohnungsdurchsuchung wurde ferner - wie der Zeuge KHK Kronenwett glaubhaft bekundet hat - in einem Kleiderschrank im Schlafzimmer des Angeklagten ein olivfarbenes Tuch aufgefunden, sichergestellt und an das Landeskriminalamt Baden-Württemberg zur Materialuntersuchung weitergeleitet. Eine im Kriminaltechnischen Institut des Landeskriminalamts Baden-Württemberg durchgeführte vergleichende Untersuchung des in der Wohnung des Angeklagten sichergestellten Taschentuchs einerseits sowie des in der Plastiktüte im Tatortanwesen aufgefundenen Taschentuchs andererseits hat eine frappierende Ähnlichkeit der beiden Tücher ergeben. Der Sachverständige Dr. Krauß, Biologe beim Landeskriminalamt Baden-Württemberg, hat in der Hauptverhandlung ausgeführt, daß bei der von ihm durchgeführten Untersuchung der Tücher folgende Merkmale hätten bestimmt werden können:

 

  Taschentuch aus der Wohnung des Angeklagten Taschentuch aus der im Tatortanwesen aufgefundenen Tüte
Größe ca. 520 mm x 520 mm ca. 520 mm x 480 mm
Material Baumwolle Baumwolle
Einfärbung oliv oliv
Textilkonstruktion Leinenbindung 1/1 Leinenbindung 1/1
Musterrapport im Rechteck ca. 27 mm breit im Rechteck ca. 27 mm breit

 

Abgesehen von der geringfügigen Größendifferenz - so der Sachverständige Dr. Krauß - würden die untersuchten Taschentücher hinsichtlich Material, Einfärbung und textiler Konstruktion völlig übereinstimmen.
Die Kammer hat sich diesen nachvollziehbaren und überzeugenden Ausführungen des Sachverständigen Dr. Krauß nach eigener Überprüfung angeschlossen.
Es steht weiter fest, daß der Angeklagte eine Vielzahl von Einweghandschuhen besessen hat. Sowohl in seiner Wohnung in Birkenfeld-Gräfenhausen als auch in seinem Pkw VW-Passat wurden bei den durch die Kriminalpolizei durchgeführten Durchsuchungen Einweghandschuhe aus unterschiedlichen Materialien aufgefunden.
Der Zeuge KHK Kirn hat glaubhaft ausgesagt, daß bei der ersten noch am Tattag durchgeführten Durchsuchung der Wohnung des Angeklagten in einer im Badezimmer auf der Waschmaschine liegenden Tüte drei Einweghandschuhe aus Latex gefunden worden seien, bei einer späteren Wohnungsdurchsuchung am 06.05.1997 seien im Schlafzimmer des Angeklagten in einem Korb ein Einweghandschuh und im Schlafzimmerschrank ein weiterer Einweghandschuh mit Haarbüscheln festgestellt worden.
Der Zeuge KK Mayer hat glaubhaft bekundet, daß bei einer am 30.04.1997 durchgeführten Durchsuchung in einem Schrank im Wohnzimmer des Angeklagten eine Tüte mit 15 Plastikhandschuhen aufgefunden worden sei. Darüber hinaus hätten sich in einer vor dem Kleiderschrank im Schlafzimmer auf dem Boden liegenden Plastikdose fünf Einweghandschuhe befunden, die gesichert worden seien. Auch bei der ebenfalls am 30.04.1997 vorgenommenen Durchsuchung des Pkw VW-Passat des Angeklagten, der zu diesem Zeitpunkt noch in der Kettelbachstraße abgestellt gewesen sei, seien sowohl auf dem Fußboden vor dem Beifahrersitz als auch im Kofferraum des Fahrzeugs in einer Werkzeugkiste Einweghandschuhe aufgefunden und gesichert worden.
Die fünf Einweghandschuhe, die sich nach der glaubhaften Aussage des Zeugen KK Mayer in einer im Schlafzimmer der Wohnung des Angeklagten auf dem Boden liegenden Plastikdose befanden, sind an das Landeskriminalamt Baden-Württemberg zur Durchführung einer vergleichenden Materialuntersuchung weitergeleitet worden. Der Sachverständige Dr. Karpf, Dipl.-Chemiker beim Landeskriminalamt Baden-Württemberg, hat in seinem in der Hauptverhandlung erstatteten Gutachten ausgeführt, daß bei der von ihm durch Pyrolyse-Gaschromatographie mit massenselektivem Detektor (Pyrolyse-GC-MSD) durchgeführten Materialuntersuchung festgestellt worden sei, daß diese fünf Einweghandschuhe aus identischem Vinylmaterial bestanden hätten. Allerdings seien diese Vinyleinweghandschuhe von ihrer genauen Materialzusammensetzung her nicht materialgleich mit den ebenfalls aus Vinylmaterial bestehenden beiden Fingerlingabschnitten, die am Tatort aufgefunden worden seien.

Wenn aufgrund dieses überzeugenden Gutachtens des Sachverständigen Dr. Karpf auch feststeht, daß zwischen den am Tatort aufgefundenen Fingerlingabschnitten von Vinyleinweghandschuhen und den in der Wohnung des Angeklagten im Schlafzimmer sichergestellten Vinyleinweghandschuhen keine Materialgleichheit besteht, so bleibt doch im Ergebnis als ein auffälliger Umstand festzuhalten, daß in der Wohnung und im Pkw des Angeklagten eine Vielzahl von Einweghandschuhen sichergestellt worden ist. Der Angeklagte selbst hat hierzu angegeben, daß er im Alltagsleben solche Einweghandschuhe bei vielfältigen Verrichtungen auch tatsächlich trage.

Die Beweisaufnahme hat ferner ergeben, daß die weiße Plastiktüte mit dem genannten Inhalt zumindest am Vormittag des 28.04.1997 noch nicht an ihrer späteren Auffindestelle im Bereich des Kellerabgangs stand.

Der Zeuge Thomas H. hat in der Hauptverhandlung glaubhaft ausgesagt, daß er sich vom Spätnachmittag des 26.04.1997, einem Samstag, bis zum 28.04.1997 gegen 9.45 Uhr im Anwesen in Birkenfeld bei seiner Freundin Andrea Z. und deren Sohn Kai aufgehalten habe. An diesem Wochenende habe er, um Andrea Z. Hausarbeit abzunehmen, u.a. die Erdgeschoßwohnung geputzt. Er sei sich sicher, daß zu dieser Zeit die Plastiktüte, die später - nach der Tat - im Erdgeschoß im Abgangsbereich zum Untergeschoß aufgefunden worden sei, dort noch nicht vorhanden gewesen sei. Daran könne er sich auch deshalb gut erinnern, weil ihm bei seinen Putzarbeiten aufgefallen sei, daß im Kellerabgangsbereich auf dem oberen Podest an der dem späteren Auffindeort der Tüte genau gegenüberliegenden Wand eine Blechdose mit Farbe gestanden habe. Da er diese Dose bemerkt habe, sei er sicher, daß ihm auch eine an der gegenüberliegenden Wand abgestellte weiße Plastiktüte aufgefallen wäre, wenn sie dort gestanden hätte.
Diese Aussage des Zeugen Thomas H. erschien der Kammer in jeder Beziehung glaubhaft. Sie wird - was die von dem Zeugen H. beschriebene Blechdose anbelangt - im übrigen bestätigt durch die Bekundungen des Zeugen KHK Perplies, der glaubhaft angegeben hat, daß bei der Spurensicherung am Tatort tatsächlich auf dem oberen Podest des Kellerabgangs genau an der- der Auffindestelle der weißen Plastiktüte gegenüberliegenden Wand eine derartige Blechdose auf dem Fußboden stehend aufgefunden worden sei.
Es kommt hinzu, daß auch der Zeuge Wolfgang Z., der am 28.04.1997 gegen 22.30 Uhr die Erdgeschoßwohnung von Andrea Z. verlassen und sich über die ins Untergeschoß führende Treppe in die Souterrainwohnung begeben hat, um zu Bett zu gehen, in der Hauptverhandlung glaubhaft angegeben hat, daß ihm dabei eine im Bereich des Kellerabgangs auf dem Fußboden stehende Plastiktüte nicht aufgefallen sei.

Das Schwurgericht ist nach einer umfassenden Gesamtwürdigung der genannten Beweisumstände, nämlich

----- des Umstands, daß sich in der am Tatort aufgefundenen Tüte eine Zigarettenschachtel der Marke "Marlboro" (rot) und eine Zigarettenschachtei der Marke "Marlboro-Lights" (weiß) befanden, und der Angeklagte Raucher der Zigarettenmarke "Marlboro" (rot) war, während seine Freundin Claudia F. die Zigarettenmarke "Marlboro-Lights" (weiß) rauchte,

----- des Umstands, daß beide in der Tüte am Tatort sichergestellten Zigarettenschachteln als Aufbewahrungsbehältnisse für andere Gegenstände als Zigaretten dienten - die "weiße" Marlboro-Lights-Schachtel als Aufbewahrungsbehältnis für sieben mit Amphetamin gefüllte Plastikbeutelchen, die "rote" Marlboro-Schachtel als Behältnis für drei leere Folienbeutelchen - und der Angeklagte die Angewohnheit hatte, "leere" Zigarettenschachteln gelegentlich als Aufbewahrungsbehältnis für Kleinteile zu verwenden,

----- des Umstands, daß in der am Tatort sichergestellten Plastiktüte u.a. ein olivfarbenes baumwollenes Taschentuch aufgefunden wurde und in der Wohnung des Angeklagten ein weiteres Taschentuch gesichert werden konnte, welches - bis auf eine geringfügige Größenabweichung - hinsichtlich Materialbeschaffenheit, Einfärbung und textiler Struktur völlig mit dem in der Tüte aufgefundenen Taschentuch übereinstimmt,

----- des Umstands, daß sich in der am Tatort sichergestellten Plastiktüte drei Einweghandschuhe - zwei aus Vinylmaterial, einer aus Latex - befanden und der Angeklagte in seiner Wohnung und in seinem Pkw eine Vielzahl von Einweghandschuhen sowohl aus Latex als auch aus Vinylmaterial aufbewahrte,

----- des Umstands, daß die am Tatort sichergestellte Plastiktüte sich zumindest am Vormittag des 28.04.1997 noch nicht an ihrem späteren Auffindeort befand -

zu der zweifelsfreien Überzeugung gelangt, daß die am Tatort sichergestellte Plastiktüte samt Inhalt dem Angeklagten zuzuordnen ist. Der Angeklagte hat diese Tüte bei seinem Eindringen in das Anwesen in der Tatnacht mitgeführt, im Erdgeschoß auf dem oberen Podest des Kellerabgangs abgestellt, wo er sie dann bei seiner überstürzten Flucht durch den Hauptausgang der Erdgeschoßwohnung zurücklassen mußte.
Was der Angeklagte mit dieser Tüte bzw. ihrem Inhalt vorhatte, als er in das Tatortanwesen eindrang, konnte nicht festgestellt werden.

c)

Bei dem Drosselungsangriff auf Andrea Z. handelte es sich um eine "Beziehungstat".

Die umfangreichen kriminalpolizeilichen Ermittlungen am Tatort haben nicht den geringsten Anhaltspunkt dafür ergeben, daß etwa eine fremde Person, die nicht dem näheren Umkreis von Andrea Z. zuzuordnen wäre, in das Anwesen eingedrungen sein und dort Andrea Z. angegriffen haben könnte.
Wie die Zeugen KOK Kühner und KHK Conle sowie der in erster Linie mit der Spurensicherung befaßt gewesene Zeuge KHK Perplies in der Hauptverhandlung glaubhaft bekundet haben, wurden keinerlei "Einbruchsspuren" festgestellt. Weder an der Haupteingangstür zur Erdgeschoßwohnung des Tatortanwesens noch an der Eingangstür zur Einliegerwohnung im Untergeschoß noch an den Terrassentüren des Wohnzimmers und des Schlafzimmers im Erdgeschoß hätten sich Spuren eines gewaltsamen Öffnens dieser Türen gefunden. Gleiches gelte für sämtliche Fenster des Tatortanwesens. Versuche, die Eingangshaustür zur Erdgeschoßwohnung mittels eines Kunststoffschnellhefters, mittels einer Scheckkarte oder unter Verwendung von Metallband oder von Schweißdraht zu öffnen, seien gescheitert.
Zwar wäre ein Eindringen in das Tatortanwesen über die Terrassentür des Wohnzimmers der Erdgeschoßwohnung grundsätzlich möglich gewesen. Das integrierte Fensterelement dieser Terrassentür war in der Tatnacht in Kippstellung arretiert, der Rolladen war nicht ganz herabgelassen. Wie die Zeugen KOK Kühner und KHK Conle übereinstimmend und glaubhaft bekundet haben, konnte bei mehrfachen Überprüfungen festgestellt werden, daß sich der Kunststoffrolladen dieser Terrassentür bei entsprechendem Krafteinsatz von außen etwa auf halbe Höhe nach oben schieben läßt und es dann möglich ist, mit der Hand durch den aufgrund der Kippstellung entstandenen Spalt nach innen zu greifen und den innenseitig an der Tür angebrachten Kipphebel herunterzuklappen und so den Türflügel zu öffnen.
Das Eindringen eines "fremden" Täters in das Tatortanwesen auf diesem Weg schließt die Kammer jedoch aus. Denn zum einen ist - wie die von KOK Kühner und KHK Conle durchgeführten Versuche ergeben haben - das Heraufschieben des Rolladens von außen mit nicht unerheblicher Lärmentwicklung verbunden, und zum anderen erscheint es mehr als unwahrscheinlich, daß etwa ein unbekannter Einbrecher, der sich auf diese Weise Zugang zum Haus verschafft hätte, die Terrassentür nach dem Eindringen wieder ordnungsgemäß verschließt. Gegen das Eindringen eines "unbekannten" Einbrechers spricht im übrigen der Umstand, daß im gesamten Haus keinerlei Spuren einer begonnenen Suche nach Wertgegenständen feststellbar waren. Die Annahme schließlich, daß die zur Tatzeit lediglich mit einem T-Shirt bekleidete Andrea Z. etwa einer ihr unbekannten Person nachts gegen 2.15 Uhr die Haustür geöffnet und dieser Einlaß gewährt haben könnte, ist derart lebensfremd, daß die Schwurgerichtskammer eine solche Möglichkeit ausschließt.

Hingegen spricht die Aussage des Zeugen Rudolf K. eindeutig für das Vorliegen einer "Beziehungstat". Der Zeuge Rudolf K., der eine im Anwesen Buchenstraße im ersten Obergeschoß gelegene Wohnung bewohnt und der sowohl von seinem Schlafzimmer als auch von seinem Wohnzimmer aus freien Blick auf die nördliche und westliche Seite des Tatortanwesens hat, hat in der Hauptverhandlung - wie bereits ausgeführt - bekundet, daß er am 29.04.1997 etwa um 2.16 Uhr erwacht sei, weil er die laute Stimme eines Mannes gehört habe, der erregt ausgerufen habe: "Ich bring Dich um, ich schlag Dich tot! Mit mir kannst Du das nicht machen". Wenige Sekunden darauf habe er, der Zeuge, eine Frau in weinerlich-wimmerndem Tonfall rufen hören: "Was willst Du denn von mir!? Ich hab Dir doch nichts getan. Mach mir doch nichts!" Danach habe er - so der Zeuge K. weiter - noch einige Wortfetzen wahrgenommen, deren Inhalt er aber nicht mehr habe verstehen können.
Diese Aussage des Zeugen Rudolf K. erschien der Kammer in jeder Beziehung glaubhaft.
Die Schwurgerichtskammer hat keinerlei Bedenken, dieser zuverlässigen Aussage des Zeugen Rudolf K., der weder Andrea Z. noch den Angeklagten persönlich kennt und dessen Bekundungen neutral und von jedweder Belastungstendenz frei waren, zu folgen.
Der Inhalt der von dem Zeugen Rudolf K. wahrgenommenen Äußerungen läßt sich mit der Annahme, Andrea Z. habe einen ihr fremden Eindringling in ihrer Wohnung überrascht, nicht vereinbaren. Aus ihm läßt sich vielmehr nach Überzeugung des Schwurgerichts der sichere Schluß ziehen, daß zwischen dem Täter und dem Opfer eine persönliche Beziehung bestanden hat.

Für die Begehung dieser "Beziehungstat" kommt aus dem näheren Umkreis von Andrea Z. allein der Angeklagte als Täter in Betracht. Weitere, ursprünglich potentiell tatverdächtig erscheinende Personen aus dem privaten Umfeld des Opfers sind nach dem Ergebnis der Beweisaufnahme mit Sicherheit als Täter auszuschließen.

Im einzelnen:

aa)

Wolfgang Z. Vater von Andrea Z., der als potentieller Tatverdächtiger allein aufgrund seiner Anwesenheit im Tatortanwesen zur Tatzeit in Betracht zu ziehen war, scheidet als Täter aus.
Der Zeuge Wolfgang Z. hat bei seiner Vernehmung in der Hauptverhandlung einen voll glaubwürdigen Eindruck hinterlassen. Seine Schilderung des Geschehens ab dem Zeitpunkt, als er um 2.34 Uhr aus dem Schlaf erwacht war, war detailreich, in sich widerspruchsfrei, plausibel und nachvollziehbar. Sie stimmte ferner in allen wesentlichen Einzelheiten völlig mit den Aussagen überein, die der Zeuge bereits bei seinen mehrfachen polizeilichen Vernehmungen im Ermittlungsverfahren gemacht hat. Daß der Zeuge Z. die von ihm beschriebene Situation, in der er sich zunächst vergeblich bemüht hat, in die Erdgeschoßwohnung zu gelangen, etwa schlicht erfunden haben könnte, um seine Täterschaft zu verschleiern, schließt die Schwurgerichtskammer aus.
Fest steht, daß der Zeuge Wolfgang Z. seine Tochter von dem um ihren Hals geschlungenen Wollschal, der als Strangulationswerkzeug verwendet worden war, befreit hat und daß er dann um 2.40 Uhr über den polizeilichen Notruf ärztliche Hilfe für seine Tochter angefordert hat. Schon bei diesem ersten Notruf hat er gegenüber dem den Anruf entgegennehmenden Zeugen PHM Heinz, nachdem er zunächst angegeben hat, da seien "Einbrecher oder irgendwas", kurz darauf beiläufig erwähnt, er könne gar keine Spuren eines Einbruchs feststellen. Bei dem zweiten Telefonat mit der polizeilichen Notrufzentrale um 2.43 Uhr hat der Zeuge Wolfgang Z. dann erneut geäußert, er wisse nicht, wie der Täter ins Haus gekommen sei, er sehe keine Einbruchspuren, habe auch kein Auto wegfahren hören. Bereits bei diesem Telefonat hat Wolfgang Z., wie der Zeuge PHM Heinz glaubhaft bekundet hat, den Verdacht ins Spiel gebracht, es könne sich um eine "Beziehungstat" handeln, für deren Begehung eventuell Thomas H. oder Harry Wörz in Betracht kämen.
Schon diese Äußerungen des Zeugen Wolfgang Z. bei den beiden telefonischen Notrufen um 2.40 Uhr und um 2.43 Uhr sprechen gegen eine Täterschaft des Zeugen. Die - allein denktheoretisch mögliche - Annahme, der Zeuge hätte seine Tochter mit dem Wollschal gedrosselt, hätte dann "in letzter Sekunde" von der Vollendung des Tötungsvorhabens Abstand genommen, telefonische Rettungsmaßnahmen eingeleitet und bereits bei den erster telefonischen Notrufen zur Verdeckung seines Tuns die Möglichkeit des Vorliegens einer "Beziehungstat" mit Thomas H. und Harry Wörz als potentiellen Tatverdächtigen "ins Spiel gebracht", hieße, dem Zeugen Wolfgang Z. ein wohlüberlegtes, ja "kaltblütiges" Nachtatverhalten zu unterstellen. Die Kammer hält eine derartige konstellation auch aufgrund des eigenen Eindrucks, den sie bei der Vernehmung in der Hauptverhandlung von dem Zeugen Wolfgang Z. gewonnen hat, für gänzlich ausgeschlossen. Wolfgang Z. war in der Hauptverhandlung die tiefgreifende Erschütterung über das Geschehen, ja seine Verzweiflung angesichts der von ihm nun tagtäglich erlebten schrecklichen Tatfolgen für seine Tochter deutlich anzumerken. Deutlich wurde auch, daß der Zeuge noch heute - zwar unberechtigt, aber psychologisch nachvollziehbar - unter Selbstvorwürfen leidet, weil er als ausgebildeter Polizist nach seinem Dafürhalten seiner Tochter nicht rasch genug zur Hilfe gekommen sei. Daß Wolfgang Z., dessen Verhältnis zu Andrea Z., seinem einzigen Kind, harmonisch und konfliktfrei war - wie alle hierzu vernommenen Zeugen übereinstimmend und glaubhaft angegeben haben -, versucht haben könnte, seine Tochter zu erdrosseln, erschien ausgeschlossen.
Es kommt hinzu, daß an den Innenseiten der Fingerlingabschnitte, die von den vom, Täter bei der Tatdurchführung getragenen Vinyleinweghandschuhen abgerissen wurden und später am Tatort sichergestellt werden konnten, keinerlei zellkernhaltiges Material festgestellt wurde, welches auf Wolfgang Z. als Mitspurenverursacher hindeutet. Im Gegenteil: Wolfgang Z. ist -wie der Sachverständige Dr. Förster in seinem in der Hauptverhandlung erstatteten Gutachten überzeugend dargelegt hat -als Mitspurenverursacher der an den Innenseiten dieser Fingerlingabschnitte festgestellten DNA-Mischspuren jeweils auszuschließen.

Soweit an der Außenseite des im Erdgeschoßflur aufgefundenen Fingerlingteils DNA-haltiges Material festgestellt wurde, welches teilweise dieselben Merkmale zeigt wie die Vergleichs-DNA des Wolfgang Z., kann nach den überzeugenden Darlegungen des Sachverständigen Dr. Förster wegen der sich an der Nachweisgrenze bewegenden Spurenmengen eine mögliche Mitspurenverursachung durch Wolfgang Z. weder ausgeschlossen noch bejaht werden.

Schließlich stellt weder der Umstand, daß Wolfgang Z. als Mitspurenverursacher der am als Strangulationswerkzeug verwendeten Schal festgestellten DNA-Mischspuren nicht auszuschließen ist, noch der Umstand, daß auf der "Marlboro"-Zigarettenschachtel (rot), die sich in der am Tatort aufgefundenen Plastiktüte befunden hat, eine daktyloskopische Spur nachgewiesen werden konnte, die nach dem in der Hauptverhandlung erstatteten überzeugenden Gutachten des Sachverständigen für Daktyloskopie Groner - Kriminaltechnische Untersuchungsstelle der Landespolizeidirektion Karlsruhe - vom Mittelfinger der linken Hand des Zeugen Wolfgang Z. stammt, ein Indiz für eine Täterschaft des Zeugen Z. dar.
An den Vliesabrieben, die von den Endbereichen des als Tatmittel verwendeten Wollschals gefertigt wurden, sind nach den gutachterlichen Darlegungen des Sachverständigen Dr. Förster in der Hauptverhandlung folgende DNA-Merkmalskombinationen festgestellt worden:

 

Schal Seite 1
D 1 S 80< 18/28
FGA 18/23/25
SE 33 13/20/23.2/(24.2)/25.2/(29.2)/30.2/31.2
TH 01 6/9/9.3
vWA 16/17
FES/FPS 10/11

 

 

Schal Seite 2
D 1 S 80 18/28
FGA 18/23/25/(20/22)
SE 33 20/23.2/(24.2)/25.2/27.2/(29.2)/30.2/31.2
TH 01 6/9/9.3
vWA 16/17
FES/FPS 10/11

 

Der Sachverständige Dr. Förster hat weiter ausgeführt, daß aufgrund der Untersuchung der an den Enden von beiden Seiten des Schals gefertigten Vliesabriebe feststehe, daß auf beiden Schalseiten jeweils Mischantragungen von zellkernhaltigen Hautpartikeln verschiedener Individuen vorhanden gewesen seien. Die festgestellten Merkmalskombinationen wiesen teilweise Überstimmungen mit der Vergleichs-DNA des Wolfgang Z. auf. Wegen der geringen Spurenmenge könne insoweit eine Mitspurenverursachung durch Wolfgang Z. nicht positiv festgestellt werden; eine Mitspurenverursachung durch ihn könne aber auch nicht ausgeschlossen werden.
Aufgrund dieser überzeugenden Ausführungen des Sachverständigen Dr. Förster, denen sich die Schwurgerichtskammer nach eigener Überprüfung angeschlossen hat, kann Wolfgang Z. somit Mitspurenverursacher der DNA-Mischspuren an dem als Strangulationswerkzeug verwendeten Schal sein, da eine Spurenlegerschaft durch ihn nicht auszuschließen ist. Dieser Umstand ist allerdings ohne weiteres damit erklärbar, daß von ihm hier Zellmaterial angetragen worden sein kann, als er seine Tochter von dem um den Hals geschlungenen Wollschal befreite.
Den vom Mittelfinger seiner linken Hand stammenden Fingerabdruck auf der "Marlboro"-Zigarettenschachtel schließlich hat Wolfgang Z. nach der sicheren Überzeugung des Schwurgerichts erst nach der Tat verursacht. Abgesehen davon, daß Wolfgang Z. nach seinen eigenen glaubhaften Angaben, aber auch nach der glaubhaften Aussage der Zeugin Marjetka Z.-B. "überzeugter Nichtraucher" war und ist, steht aufgrund der Aussagen der Zeugen PHK Sommer und KHK Perphes fest, daß Wolfgang Z. die Zigarettenschachtel berührt hat, nachdem Andrea Z. bereits mit dem Krankenwagen vom Tatort abtransportiert worden war. Die Zeugen PHK Sommer und KHK Perplies haben übereinstimmend bekundet, daß die genannte weiße Plastiktüte nach dem Abtransport von Andrea Z. von ihrem Auffindeort im Bereich des Kellerabgangs zunächst in den Erdgeschoßwohnungsflur verbracht worden sei. Dort habe man den Inhalt der Tüte, die man zu diesem frühen Zeitpunkt noch nicht unmittelbar mit der Tat in Verbindung gebracht habe, auf den Fußboden ausgeleert, um ihn zu sichten. Dabei habe Wolfgang Z., der daneben gestanden habe, die Zigarettenschachtel aufgenommen und kurz betrachtet, worauf er sodann erklärt habe, die Schachtel würde wahrscheinlich "nicht ins Haus gehören", da seine Tochter eine andere Zigarettenmarke rauche.
Die Kammer geht davon aus, daß bei diesem Ergreifen der Zigarettenschachtel der vom Mittelfinger der linken Hand des Zeugen Z. stammende Fingerabdruck verursacht worden ist.

Nach alledem scheidet eine Täterschaft des Zeugen Wolfgang Z. aus.

bb)

Auch Daniela H. die aufgrund der bei ihr bestehenden besonderen Motivlage potentiell tatverdächtig war, kommt nach dem Ergebnis der Beweisaufnahme als Täterin nicht in Betracht.
Daniela H. ist die Ehefrau von Thomas H., des Geliebten von Andrea Z. Da sie auf Andrea Z. eifersüchtig war, ist nachvollziehbar, daß sie als mögliche Täterin in das Blickfeld der kriminalpolizeilichen Ermittlungen geriet. Die Beweisaufnahme hat jedoch nicht nur keinerlei Hinweise auf eine Täterschaft ihrerseits erbracht, sie hat im Gegenteil eindeutig ergeben, daß Daniela H. die Tat nicht begangen hat.
Zunächst einmal hat auch Daniela H. bei ihrer Vernehmung als Zeugin in der Hauptverhandlung einen absolut glaubwürdigen Eindruck hinterlassen. Sie hat freimütig eingeräumt, daß sie auf Andrea Z. nicht gut zu sprechen gewesen sei, nachdem sie bemerkt gehabt habe, daß diese ein intimes Verhältnis mit ihrem Ehemann unterhalten habe. Dieses Verhältnis habe ihre Ehe mit Thomas H. wie überhaupt das familiäre Zusammenleben enorm belastet. Natürlich sei sie, Daniela H., eifersüchtig gewesen. Ihr Mann habe immer weniger Interesse für sie gezeigt, mehr und mehr stattdessen Andrea Z. in den Mittelpunkt seines Lebens gerückt und für sie seine Ehe und seine Familie "aufs Spiel gesetzt". Als sie, die Zeugin, gemerkt habe, daß sie ihren Mann wohl vertieren werde, habe sie in der letzten Augustwoche 1996 einen Brief an Andrea Z. geschrieben, in dem sie dieser ihre verzweifelte Situation geschildert habe. In dieser Zeit - Ende August/Anfang September 1996 - habe sie dann vorübergehend geglaubt, ihr Mann kehre zu ihr zurück. Dies sei jedoch ein Trugschluß gewesen. Am 19.09.1996 sei ihr Mann nach einem mehrtägigen "Schichtausflug" nach Oberstdorf nicht nach Hause gekommen. Sie habe ihn bei Andrea Z. vermutet, sei in ihrer Eifersucht nachts zu dem damals von Andrea Z. bewohnten Reihenhaus in Birkenfeld gefahren, wo sie ihren Mann tatsächlich - Sekt trinkend - mit Andrea Z. in deren Wohnung angetroffen habe. Daraufhin sei sie sehr wütend geworden, ein Wort habe das andere gegeben, sie habe ihrem Mann gegen die Beine getreten. Dann habe sie auch auf Andrea Z. "losgehen" und ihr eine Ohrfeige versetzen wollen. Diese habe allerdings ihren Angriff "gekonnt" abgewehrt, indem sie ihr den Arm auf den Rücken gedreht habe. Dann habe Andrea Z. sie aus dem Haus geworfen. Seit diesem Vorfall habe sich bei ihr der Eindruck verstärkt, ihren Mann "verloren" zu haben. Er habe zu Hause im Grunde nur noch gelegentlich übernachtet. Ein echtes Ehe- und Familienleben habe nicht mehr stattgefunden. Da sie diese Situation nicht länger habe verkraften können, habe sie sich mit Trennungsund Scheidungsgedanken getragen, was sie ihrem Mann auch gesagt habe. Aber selbst nachdem ein von ihr eingeschalteter Rechtsanwalt ihrem Mann mit Schriftsatz vom 23.04.1997 die Ernsthaftigkeit ihrer möglichen Scheidungsabsicht mitgeteilt gehabt habe, habe sich ihr Mann nicht zu einer Entscheidung zwischen ihr und der Familie einerseits und seiner Geliebten Andrea Z. andererseits durchringen können. Diese unentschiedene und für sie zutiefst unbefriedigende Situation habe auch noch am 28.04.1997 bestanden. An diesem Tag habe sich ihr Mann aufgrund einer Erkrankung zu Hause im Anwesen in Pfinztal aufgehalten. Am Nachmittag und am Abend habe sie mit ihm ausführlich ihre familiäre Situation besprochen, ohne daß man letztlich zu einem Ergebnis gekommen sei. Zwischen 23.00 Uhr und 23.30 Uhr seien sie beide zu Bett gegangen. Am 29.04.1997 sei sie gegen 3.0.0 Uhr erwacht, aufgestanden und habe in der Küche zwei Gläser Orangensaft getrunken. Danach sei sie wieder ins Bett gegangen. Ihr Mann habe ihr Aufstehen nicht bemerkt, er habe in dieser Zeit tief geschlafen. Am Morgen sei sie um 5.00 Uhr aufgestanden, als der Wecker geklingelt habe. Auch ihr Mann sei erwacht, habe sie wieder ins Bett gezogen und dort mit ihr - einvernehmlich - trotz ihrer Menstruation den Geschlechtsverkehr durchgeführt. Danach sei sie endgültig aufgestanden, habe sich angekleidet und gegen 6.30 Uhr das Haus verlassen, um ins Büro zu fahren. In der Nacht vom 28. auf 29.04.1997 sei sie jedenfalls - ebenso wie ihr Ehemann - die ganze Zeit über zu Hause gewesen.
Diese in sich widerspruchsfreie, plausible Aussage der Zeugin Daniela H., die im übrigen in voller Übereinstimmung steht mit ihren Aussagen gegenüber der Kriminalpolizei im Ermittlungsverfahren, hat die Schwurgerichtskammer für voll glaubhaft erachtet. Die Zeugin hat ihre damals bestehende Verzweiflungssituation offen und einfühlbar geschildert, sie hat dabei während ihrer Vernehmung keinen Hehl daraus gemacht, daß sie als "betrogene Ehefrau" in ihrer damaligen Lage durchaus gelegentlich Haßgefühle auf Andrea Z. gehabt habe. Sie hat aber ebenso glaubhaft verdeutlicht, daß sie einen ernsthaften Angriff auf das Leben von Andrea Z. niemals erwogen habe.
Die Zeugin Daniela H. wäre nach Auffassung des Schwurgerichts im übrigen auch körperlich überhaupt nicht in der Lage gewesen, den Drosselungsangriff auf Andrea Z. durchzuführen. Sie hatte am 19.09.1996 bei dem Versuch, Andrea Z. körperlich anzugreifen, den "Kürzeren gezogen". Es erscheint kaum vorstellbar, daß die relativ kleine und äußerst schmächtige Zeugin Daniela H. im Stande gewesen wäre, die als Polizistin ausgebildete, 14 Jahre jüngere Andrea Z. in ihrer Wohnung zu überwältigen und mittels eines Wollschals über einen Zeitraum von drei bis fünf Minuten zu drosseln.

Vor allem aber ist eine Täterschaft der Zeugin Daniela H. aufgrund der objektiven Spurenlage ausgeschlossen. Der Zeuge Rudolf K. hat die von ihm gehörte Stimme, die gerufen habe, "ich bring Dich um, ich schlag Dich tot, das kannst Du mit mir nicht machen", und die mit Sicherheit dem Täter zuzuordnen ist, eindeutig als Stimme eines Mannes identifiziert. Und es kommt hinzu, daß weder an dem als Strangulationswerkzeug verwendeten Wollschal noch an den Innen-und Außenseiten der am Tatort aufgefundenen abgerissenen Fingerlingabschnitte von Vinyleinweghandschuhen Zellantragungen festgestellt wurden, die auf Daniela H. hingedeutet hätten. Im Gegenteil: Hinsichtlich der insoweit festgestellten DNA-Mischspuren scheidet Daniela H. nach dem überzeugenden Gutachten des Sachverständigen Dr. Förster als Mitspurenverursacherin mit Sicherheit aus.

Da - wie ausgeführt - zwischen dem Täter und dem Opfer eine persönliche Beziehung bestanden hat, ist auch eine Tatbegehung durch einen von Daniela H. angestifteten männlichen Täter ausgeschlossen.

cc)

Gegen Thomas H. hat sich vor allem deshalb ein nicht unerheblicher Tatverdacht gerichtet, weil er eine intime Beziehung zu Andrea Z. unterhielt und weil er über einen Hausschlüssel für die Haupteingangstür zur Erdgeschoßwohnung des Tatortanwesens verfügte. Aber auch Thomas H. scheidet als Täter nach dem Ergebnis der Beweisaufnahme aus.
Er hat als Zeuge in der Hauptverhandlung zunächst glaubhaft über die Entwicklung seiner Beziehung zu seiner Kollegin Andrea W., aber auch über die von ihm ebenfalls als belastend empfundenen Spannungen und Konflikte in seiner Ehe und Familie, die durch sein Verhältnis mit Andrea W. verursacht worden seien, berichtet. Ohne Beschönigungsversuche hat er bekundet, daß ihm durchaus bewußt gewesen sei, seine Ehefrau durch sein Intimverhältnis mit Andrea Z. zutiefst zu kränken. Er habe sich damals in einem Gefühlszwiespalt befunden, sei hin- und hergerissen gewesen zwischen seiner Liebe zu Andrea Z. einerseits und seiner nach wie vor bestehenden Zuneigung zu seiner Ehefrau und natürlich zu seinen Kindern andererseits. Er habe sich einfach nicht für die eine oder andere Seite entscheiden können. Andrea Z. habe - anders als seine Ehefrau - auch nicht auf eine Entscheidung gedrängt.
Im übrigen hat der Zeuge Thomas H. - in voller Übereinstimmung mit seiner Ehefrau Daniela H. - ausgesagt, daß er die Nacht vom 28. auf 29.04.1997 daheim in seinem Hause in Pfinztal verbracht habe. Das Haus habe er in dieser Nacht nicht verlassen. Nachdem er sich am 28.04.1997 zwischen 23.00 Uhr und 23.30 Uhr gemeinsam mit seiner Ehefrau Daniela zu Bett begeben habe, habe er geschlafen. Gegen 4.00 Uhr am 29.04.1997 sei er aufgewacht und habe die Toilette aufgesucht; seine Ehefrau Daniela H. habe - wie er hierbei festgestellt habe - schlafend im Bett gelegen. Er habe sich dann wieder ins Bett gelegt und weitergeschlafen. Gegen 5.30 Uhr habe er mit seiner Ehefrau im Ehebett - einvernehmlich - den Geschlechtsverkehr durchgeführt. Dann habe er wieder ein wenig geschlafen, während seine Ehefrau das Haus verlassen habe, um zur Arbeit zu fahren. Er habe noch im Bett gelegen, als die Polizei ihn in seinem Hause am 29.04.1997 gegen 7.20 Uhr vorläufig festgenommen habe.
Die Kammer hatte keine Bedenken, dieser glaubhaften Aussage des Zeugen Thomas H. zu folgen. Sie ist im übrigen - vor allem was die Anwesenheit des Zeugen Thomas H. in seinem Haus in Pfinztal in der Nacht vom 28. auf 29.04.1997 anbelangt - bestätigt worden durch die voll glaubhaften Bekundungen seiner Ehefrau Daniela H. Diese hat - wie bereits ausgeführt - in der Hauptverhandlung glaubhaft ausgesagt, daß ihr Mann, als sie gegen 3.00 Uhr aufgestanden und in die Küche gegangen sei, um etwas zu trinken, schlafend im Ehebett gelegen habe. Angesichts dieser Aussage der Zeugin Daniela H. erscheint eine Täterschaft des Zeugen Thomas H. schon vom Zeitablauf her sehr unwahrscheinlich. Die Wegstrecke zwischen dem Tatortanwesen in Birkenfeld und dem Anwesen der Eheleute Heim in Pfinztal-Berghausen, beträgt - wie der Zeuge KOK Kühner bei "Vergleichsfahrten" ermittelt und in der Hauptverhandlung glaubhaft bekundet hat - ca. 21 km. Der Zeuge KOK Kühner hat ferner festgestellt, daß diese Strecke bei zügiger Fahrt und guten Fahrbahnbedingungen nachts mit einem Pkw in etwa 17 Minuten zurückgelegt werden kann. Wäre Thomas H. der Täter gewesen, dann hätte er, da der Täter das Tatortanwesen in Birkenfeld gegen 2.35 Uhr verlassen hat, frühestens gegen 2.52 Uhr wieder sein Haus in Pfinztal-Berghausen erreichen können, wo er sich dann unbemerkt von seiner Ehefrau hätte zu Bett begeben müssen. Eine solche Konstellation erscheint jedoch sehr unwahrscheinlich.
Wenig naheliegend wäre auch, daß Thomas H., unterstellt er hätte in dieser Nacht die Tat zum Nachteil seiner Geliebten Andrea Z. begangen, nur ca. drei Stunden nach dem Tatgeschehen mit seiner Ehefrau einvernehmlich einen Intimverkehr hat. Dafür, daß ein solcher, von den Eheleuten H. übereinstimmend bekundeter Intimverkehr am Morgen des 29.04.1997 tatsächlich stattgefunden hat, spricht das Ergebnis der durchgeführten DNA-Analyse. Die von dem Zeugen Thomas H. am Morgen des 29.04.1997 getragene Unterhose, mit der er nach der glaubhaften Aussage des die Festnahme durchführenden Zeugen KHM Wenz bekleidet war, als er noch im Bett liegend gegen 7.20 Uhr vorläufig festgenommen wurde, ist, nachdem Thomas H. zum Polizeipräsidium Karlsruhe gebracht worden war, dort durch KHM Kemm sichergestellt worden, wie der Zeuge KHM Kemm glaubhaft bekundet hat. Sodann ist diese Unterhose an das Landeskriminalamt Baden-Württemberg zur Durchführung einer DNA-Analyse weitergeleitet worden.
Der Sachverständige Dr. Förster hat in seinem in der Hauptverhandlung erstatteten Gutachten überzeugend ausgeführt, daß an dieser Unterhose eine Blutspur habe nachgewiesen werden können, die in üärkster Ausprägung die DNA-Merkmale des Vergleichsbluts von Daniela H. und in schwächerer Ausprägung bzw. nicht voll beweiskräftig die Banden (Allele) des Zeugen Thomas H. gezeigt hätte. Dieses Ergebnis spräche für einen stattgefundenen Intimverkehr zwischen den Eheleuten H.
Das Ergebnis dieser DNA-Analyse des Sachverständigen Dr. Förster, dessen nachvollziehbarem Gutachten sich das Schwurgericht nach eigener Überprüfung angeschlossen hat, üützt somit die übereinstimmenden Aussagen der Zeugen Thomas und Daniela H. über den am frühen Morgen des 29.04.1997 zwischen ihnen stattgefundenen Geschlechtsverkehr. Auch dieser Umstand - ein nur etwa drei Stunden nach der Tat durchgeführter Intimverkehr der Eheleute H. - läßt eine Täterschaft des Zeugen Thomas H. unwahrscheinlich erscheinen.
Es kommt hinzu, daß an den Innenseiten der Fingerlingteile, die von den vom Täter bei der Tat getragenen Vinyleinweghandschuhen abgerissen und am Tatort im Schlafzimmer und im Flur der Erdgeschoßwohnung aufgefunden wurden, nach dem überzeugenden und nachvollziehbaren Gutachten des Sachverständigen Dr. Förster kein Zellmaterial nachgewiesen werden konnte, welches auf Thomas H. hingedeutet hätte. Im Gegenteil: Thomas H. ist als Mitspurenverursacher der an den Innenseiten dieser Fingerlingabschnitte festgestellten DNA-Mischspuren jeweils ausgeschlossen.

Soweit an der Außenseite des im Erdgeschoßflur aufgefundenen Fingerlingteils DNA-haltiges Material festgestellt wurde, welches teilweise dieselben Merkmale zeigt wie die Vergleichs-DNA des Thomas H., kann nach den überzeugenden Darlegungen des Sachverständigen Dr. Förster wegen der sich an der Nachweisgrenze bewegenden Spurenmenge eine mögliche Mitspurenverursachung durch Thomas H. weder ausgeschlossen noch bejaht werden.
Gleiches gilt nach dem Gutachten des Sachverständigen Dr. Förster in Bezug auf die an den beiden Seiten des als Strangulationswerkzeug verwendeten Schals festgestellten DNA-Mischspuren. Auch insoweit kann wegen der geringen Spurenmenge eine Mitspurenverursachung durch Thomas H. weder positiv festgestellt noch ausgeschlossen werden. Eine mögliche Mitspurenverursachung durch Thomas H. ist hier im übrigen dadurch erklärbar, daß Thomas H. sich sehr häufig in der Wohnung von Andrea Z. aufhielt und bei seinen Besuchen dort auch vielfältigen Kontakt mit ihrem Sohn Kai hatte.

Thomas H. kommt nach alledem als Täter des Drosselungsangriffs auf Andrea Z. nicht in Betracht.

dd)

Weitere Personen aus dem näheren persönlichen Umkreis von Andrea Z. kommen als Täter ebenfalls nicht in Frage. Dies gilt zunächst für die Zeugin Metka Z.-B., die Mutter von Andrea Z., die noch in der Tatnacht durch die Polizei telefonisch von der Tat verständigt wurde und die sodann unverzüglich von ihrem Haus in Birkenfeld mit ihrem Pkw zum Tatortanwesen fuhr. Sie scheidet schon deshalb als Täterin aus, weil aufgrund der Aussage des Zeugen Rudolf K. über die von ihm gehörten Dialogteile mit Sicherheit feststeht, daß es sich bei dem Täter um einen Mann gehandelt hat.

Im übrigen haben die Zeugen KOK Kühner und KHK Conle, die das polizeiliche Ermittlungsverfahren sachbearbeitend geführt haben, übereinstimmend und voll glaubhaft in der Hauptverhandlung bekundet, daß die umfangreichen Ermittlungen im aktuellen, aber auch im früheren persönlichen Umfeld der Geschädigten Andrea Z. nicht die geringsten Anhaltspunkte für die mögliche Täterschaft einer anderen männlichen Person erbracht hätten. Insbesondere hätten sich auch nicht ansatzweise Hinweise darauf ergeben, daß etwa frühere Freunde oder Liebhaber von Andrea Z. irgendetwas mit der Tat zu tun gehabt hätten.

 

d)

Ein weiteres Indiz für die Täterschaft des Angeklagten ist schließlich der Umstand, daß der Angeklagte im Besitz eines Schlüssels für die Eingangstür der im Souterrain des Tatortanwesens gelegenen Einliegerwohnung war. Daß er einen solchen Schlüssel für diese Außeneingangstür zumindest in der Zeit hatte, als er gemeinsam mit Andrea Z. - ab etwa Ende September 1994 bis Ende 1994 - in der Einliegerwohnung des Anwesens in Birkenfeld wohnte, hat er in der Hauptverhandlung selbst eingeräumt. Er hat jedoch angegeben, daß er diesen Schlüssel alsbald nach dem Umzug in die Dachgeschoßwohnung im Anwesen seines Vaters in Gräfenhausen seinen Schwiegereltern zurückgegeben habe, wobei er heute nicht mehr wisse, ob er den Schlüssel an seinen Schwiegervater Wolfgang Z. oder an seine Schwiegermutter Marjetka Z.-B. ausgehändigt habe.
Diese Einlassung des Angeklagten, über die angebliche Schlüsselrückgabe ist nach dem Ergebnis der Beweisaufnahme widerlegt.
Die Zeugen Wolfgang Z. und Marjetka Z.-B. haben in der Hauptverhandlung übereinstimmend und mit Bestimmtheit angegeben, daß der Angeklagte den Schlüssel zur Einliegerwohnung nicht an sie zurückgegeben habe. Dies wüßten sie genau. Sie seien nach dem Umzug des Angeklagten und ihrer Tochter aus der Einliegerwohnung in das Anwesen des Vaters des Angeklagten in Gräfenhausen niemals im Besitz eines "überzähligen" Schlüssels für den Nebeneingang zur Einliegerwohnung des Hauses in Birkenfeld gewesen, wo sie, die Zeugen, ja zunächst weiterhin gewohnt hätten.
Auf Vorhalt, daß sie bei ihrer polizeilichen Vernehmung vom 29.04.1997 angegeben habe, daß der Angeklagte ihres Wissens keinen Schlüssel mehr gehabt, sondern den Schlüssel - soviel sie wisse - zurückgegeben habe, hat die Zeugin Metka Z.-B. in der Hauptverhandlung ausgesagt, sie sei bei dieser Vernehmung lediglich davon ausgegangen, daß ihr Schwiegersohn den Schlüssel zurückgegeben habe, so wie auch ihre Tochter Andrea bei ihrem Auszug aus der ehegemeinschaftlichen Wohnung in Gräfenhausen im März 1996 ihrerseits den Schlüssel für diese Wohnung zurückgegeben habe. Die von ihr bei der genannten polizeilichen Vernehmung angegebene mutmaßliche Schlüsselrückgabe durch den Angeklagten sei also lediglich eine Annahme ihrerseits gewesen. An sie, die Zeugin, jedenfalls, das wisse sie genau, habe der Angeklagte den Schlüssel niemals zurückgegeben. Der Zeuge Wolfgang Z. hat für seine Person eine Schlüsselrückgabe durch den Angeklagten ebenso sicher ausgeschlossen.
Die Schwurgerichtskammer hatte keine Bedenken, diesen Aussagen der Zeugen Wolfgang Z. und Metka Z.-B., die bei ihren Vernehmungen in der Hauptverhandlung einen in jeder Beziehung glaubwürdigen und zuverlässigen Eindruck gemacht haben, zu folgen.

Damit steht fest, daß der Angeklagte den Schlüssel für die Nebeneingangstür zur Souterrainwohnung in Birkenfeld nicht an seine Schwiegereltern zurückgegeben hat; die von ihm insoweit behauptete Schlüsselrückgabe ist eine unwahre Schutzbehauptung. Aus diesen Umständen folgert die Kammer, daß der Angeklagte am 29.04.1997 noch im Besitz des Schlüssels war, der ihm den Zugang in das Untergeschoß des Tatortanwesens ermöglicht hat.

Nach alledem steht fest,

----- daß der Angeklagte Mitspurenverursacher der an den Innenseiten der am Tatort aufgefundenen Fingerlingteile festgestellten DNA-Spuren sein kann, an den Fingerlingabschnitten also, die von den vom Täter bei der Tat getragenen Vinyleinweghandschuhen abgerissen worden sind,

----- daß die am Tatort aufgefundene weiße Plastiktüte samt Inhalt dem Angeklagten zuzuordnen ist,

----- daß es sich um eine "Beziehungstat" gehandelt hat, für deren Begehung aus dem näheren Umkreis des Opfers Andrea Z. keine andere Person als der Angeklagte in Betracht kommt

----- und daß der Angeklagte am 29.04.1997 noch im Besitz des Schlüssels für die Nebeneingangstür im Untergeschoß des Tatortanwesens war.

Eine zusammenfassende Würdigung dieser Beweisumstände rechtfertigt nach Überzeugung des Schwurgerichts den zweifelsfreien Schluß, daß der Angeklagte die Tat begangen hat.

 

Entlastende, gegen die Täterschaft des Angeklagten sprechende Umstände sind in der Hauptverhandlung nicht zutage getreten.
Die Schwurgerichtskammer hat dabei durchaus gesehen, daß die sonstigen Angaben des Angeklagten in der Hauptverhandlung - abgesehen von seiner Einlassung, die ganze Nacht vom 28. auf 29.04.1997 in seiner Wohnung verbracht zu haben, und der von ihm erlogenen Schlüsselrückgabe an seine Schwiegereltern - plausibel waren. Der Angeklagte hat den Verlauf seiner Ehe mit Andrea Z., die in der Ehe seit dem Spätjahr 1995 zunehmend auftretenden Konflikte, seine fast depressive Resignation angesichts seiner Vernachlässigung durch Andrea Z. und ihrer Hinwendung zu Thomas H. offen und einfühlbar beschrieben. Obwohl das Scheitern seiner Ehe ab Anfang 1996 mehr oder weniger schon "in der Luft gelegen" habe, sei doch der abrupte Auszug von Andrea mit dem kleinen Kai aus der damaligen ehegemeinschaftlichen Wohnung in Gräfenhausen für ihn schockierend gewesen. Er habe unter der Trennung, vor allem von seinem Sohn, sehr gelitten. Notgedrungen habe er diese Situation akzeptieren müssen. Im Sommer 1996 habe er eine neue Partnerin gefunden. Seine seit vielen Jahren bestehende eher lose Bekanntschaft zu Claudia F. habe sich nach und nach zu einem echten Liebesverhältnis entwickelt. An eine -ursprünglich von ihm durchaus gewünschte - Wiederaufnahme der ehelichen Gemeinschaft mit Andrea habe er spätestens ab diesem Zeitpunkt nicht mehr geglaubt; er habe dies dann auch nicht mehr gewollt. Wichtig sei für ihn vor allem gewesen, daß er den Kontakt zu Kai nicht verliere. Dafür habe auch Andrea Verständnis gehabt. Nach einigem "Hin und Her" habe er sich mit ihr darauf geeinigt, daß er Kai alle zwei Wochen jeweils samstags habe zu sich nehmen dürfen, was in aller Regel auch ohne Probleme "geklappt" habe. Er habe dann aber den Wunsch geäußert, daß Kai am Wochenende auch einmal bei ihm übernachten dürfe. Damit sei Andrea nicht einverstanden gewesen, was er nicht habe nachvollziehen können. Wegen dieser von ihm gewünschten Erweiterung des Umgangsrechts mit seinem Sohn sei es zwischen ihm und Andrea auch zu verbalen Auseinandersetzungen gekommen. Der in diese Auseinandersetzung eingeschaltete Beamte des Jugendamts des Landratsamts Enzkreis, Herr Löffler, habe versucht zu vermitteln. Eine Lösung in der Frage der Erweiterung des Umgangsrechts sei jedoch letztlich im April 1997 noch nicht erreicht worden. Dies sei somit zu dieser Zeit ein noch offener Konfliktpunkt gewesen, ein Umstand allerdings, der für ihn, den Angeklagten, niemals Anlaß für einen tätlichen Angriff auf seine Frau gewesen sei.
Den Ablauf des 28.04.1997 hat der Angeklagte in der Hauptverhandlung wahrheitsgemäß geschildert. Die hierzu ergänzend in der Hauptverhandlung vernommenen Zeugen - seine ihn im Scheidungsverfahren vertretende Rechtsanwältin Ulrike Wetzel, sein Bekannter Guido K. und seine Freundin Claudia F. - haben die Angaben des Angeklagten jeweils glaubhaft bestätigt. Die Schwurgerichtskammer hat daher die Einlassung des Angeklagten dazu. wie er den 28.04.1997, also den Tag vor der Tat, verbracht hat, bei den insoweit unter II. getroffenen Feststellungen als zutreffend zugrundegelegt.

Auch im Ermittlungsverfahren hat sich der Angeklagte - wie die Kammer nicht verkannt hat - zum Teil durchaus kooperativ verhalten. So hat er schon bei seiner ersten Vernehmung am 29.04.1997 ohne Zögern den Standort seines Pkw in der Kettelbachstraße bekanntgegeben. Er hat sich in dieser Vernehmung mit einer Durchsuchung dieses Pkw sowie seiner Wohnung einverstanden erklärt. Auch zur Abgabe von Blut-, Urin-, Speichel- und Haarproben war er ohne weiteres freiwillig bereit. Er hat am 30.04.1997 darüber hinaus erklärt, er verlange die Entnahme einer Blutprobe, damit seine Unschuld bewiesen werden könne. Ebenso hat er bereitwillig seine ihn im Scheidungsverfahren vertretende Rechtsanwältin Wetzel von ihrer anwaltlichen Schweigepflicht entbunden, damit diese über die Trennungsund Scheidungsfragen Auskunft geben könne. Schließlich hat der Angeklagte gegenüber den ihn im Ermittlungsverfahren vernehmenden Kriminalbeamten - wie diese glaubhaft bekundet haben - auch des öfteren angegeben, er hoffe, daß seine Frau bald vernehmungsfähig sein werde, damit sie ihn entlasten könne.

Dieses Einlassungsverhalten des Angeklagten im Ermittlungsverfahren und in der Hauptverhandlung ist jedoch nicht geeignet, den Angeklagten zu entlasten. Es stellt angesichts des in der Hauptverhandlung gewonnenen Beweisergebnisses seine Täterschaft nicht in Frage.

Auch sonst haben sich keine den Angeklagten entlastenden Umstände ergeben. Ein Alibi für die Tatzeit hat der Angeklagte nicht. Der Zeuge Horst W., der Vater des Angeklagten, der gemeinsam mit dem Angeklagten das Anwesen in Gräfenhausen bewohnt, hat in der Hauptverhandlung glaubhaft bekundet, daß er in der Nacht vom 28. auf 29.04.1997 fest geschlafen habe. Ob sich sein Sohn die ganze Nacht über in seiner Wohnung im Dachgeschoß des Anwesens aufgehalten habe, oder ob dieser das Haus in der Nacht verlassen habe und wieder zurückgekehrt sei, wisse er nicht.

Der Umstand, daß sowohl der Schlüssel zur Untergeschoßeingangstür des Tatortanwesens als auch die bei der Tatdurchführung getragenen - beschädigten - Vinyleinweghandschuhe, von denen die abgerissenen, am Tatort aufgefundenen Fingerlingabschnitte stammen, bei dem Angeklagten weder in seiner Kleidung noch in seiner Wohnung noch in seinem Pkw aufgefunden wurden, entlastet den Angeklagten ebenfalls nicht. Der Angeklagte hatte nach der Tat, insbesondere auf der Rückfahrt zu seiner Wohnung, Gelegenheit, sich des Schlüssels und der beschädigten Einweghandschuhe an einer unbekannten Stelle zu entledigen.

Es steht im übrigen fest, daß der Angeklagte nach seinem fluchtartigen Verlassen des Tatanwesens in Birkenfeld ausreichend Zeit hatte, seine Wohnung in Gräfenhausen zu erreichen, bevor dieses Anwesen ab 2.55 Uhr von Polizeibeamten observiert wurde. Der Zeuge KOK Kühner hat - wie er in der Hauptverhandlung glaubhaft ausgesagt hat - bei Vergleichsfahrten mit einem Pkw VW Passat festgestellt, daß die kürzeste Entfernung zwischen dem Tatortanwesen und dem Wohnhaus in Gräfenhausen 3,4 km beträgt und daß diese Strecke bei normaler Fahrt mit dem Pkw in 3 Minuten und 20 Sekunden bewältigt werden kann. Die weiteste Fahrtstrecke zwischen dem Tatortanwesen und dem Wohnhaus in Gräfenhausen beträgt nach der Aussage des Zeugen KOK Kühner 5,9 km und kann mit dem Pkw bei normaler Fahrweise in 5 Minuten und 50 Sekunden zurückgelegt werden.
Da davon auszugehen ist, daß der Angeklagte das Haus in Birkenfeld gegen 2.35 Uhr verlassen, sich unverzüglich zu seinem in der Nähe abgestellten Pkw begeben hat, mit diesem sodann in Richtung Gräfenhausen losgefahren ist, den Pkw dort auf der Kuppe in der Kettelbachstraße abgestellt hat und von dort zu dem 200 m entfernt liegenden Wohnhaus gegangen ist, hatte er auf jeden Fall die Gelegenheit, seine Wohnung noch rechtzeitig vor dem Eintreffen der zur Observation eingesetzten Polizeibeamten in der Bachstraße um 2.55 Uhr zu erreichen.

Schließlich steht auch der Umstand, daß das dem Zeugen Wolfgang Z. gehörende Wohnmobil in der Tatnacht unmittelbar vor dem Tatanwesen auf der Fahrbahn abgestellt war, der Annahme der Täterschaft des Angeklagten nicht entgegen. Zum einen ließ das Abstellen des Wohnmobils an dieser Stelle nicht den Schluß zu, daß sich der Zeuge Wolfgang Z. tatsächlich auch im Anwesen aufhielt. Der Zeuge Wolfgang Z.hat insoweit glaubhaft ausgesagt, daß er sein Wohnmobil meistens vor dem Tatortanwesen abgestellt habe, auch wenn er sich dort nicht aufgehalten habe, und. zwar deshalb, weil er das Fahrzeug dort unproblematisch, ohne ein Verkehrshindernis zu verursachen, habe parken können, was im Schönblickweg nicht ohne weiteres möglich gewesen sei. Dies habe der Angeklagte auch gewußt. Zum anderen ist es natürlich keineswegs ausgeschlossen, daß der Angeklagte angesichts des vor dem Tatortanwesen abgestellten Wohnmobils seines Schwiegervaters gleichwohl in das Haus eingedrungen ist. Die Schlußfolgerung des Verteidigers des Angeklagten, dieser hätte wegen des Risikos des Entdecktwerdens von einem Eindringen in das Tatortanwesen Abstand genommen, hätte er das vor dem Grundstück abgestellte Wohnmobil seines Schwiegervaters gesehen, ist eine rein hypothetische Annahme, aber keineswegs zwingend. Die Kammer zieht diesen Schluß jedenfalls aufgrund der bereits im einzelnen dargelegten Beweisergebnisse nicht.

 

Bestimmten Aussagen und Verhaltensweisen des Angeklagten im Ermittlungsverfahren, die von der Kriminalpolizei als "tatverdachtserhöhende" Indizien zu Lasten des Angeklagten gewertet worden sind, hat die Schwurgerichtskammer bei der von ihr vorgenommenen umfassenden Würdigung aller Beweisumstände keine den Angeklagten belastende Beweisbedeutung zugemessen.
Dies gilt zum einen für das "Geständnis", das der Angeklagte während des Ermittlungsverfahrens abgelegt hat.
Es steht aufgrund der Beweisaufnahme fest, daß der Angeklagte am Morgen des 13.05.1997 durch KOK Kühner in der Justizvollzugsanstalt Heimsheim abgeholt und zum Polizeipräsidium Pforzheim verbracht wurde. Auf seinen Wunsch hin wurde ihm dort ermöglicht, mit seinem damaligen Verteidiger, der von KHK Kirn benachrichtigt worden war, unter vier Augen zu sprechen. Nachdem sein damaliger Verteidiger nach dem Gespräch die Polizeidienststelle wieder verlassen hatte, erklärte der Angeklagte, "Knastologen" hätten ihm empfohlen, ein Geständnis abzulegen, damit er von den Ermittlungsbehörden dann "in Ruhe gelassen" werde, worauf dem Angeklagten nach seiner eigenen Einlassung von KHK Stöhr erklärt wurde, daß ein bloßes "Gefälligkeitsgeständnis nichts bringe". Daraufhin erklärte der Angeklagte, er werde nun angeben, wie es zu der Tat gekommen sei. Wie der Zeuge KOK Kühner in der Hauptverhandlung glaubhaft ausgesagt hat, habe der Angeklagte dann damit begonnen, zu schildern, wie er zum Tatortanwesen gekommen sei, wo er seinen Pkw abgestellt habe, wie er in das Haus gelangt sei. Da der Angeklagte sich schon bei dieser Darstellung in Widersprüche verwickelt und sich bei ergänzenden Fragen auf angeblich fehlende Erinnerung berufen habe, habe er, der Zeuge KOK Kühner, die Befragung als sinnlos abgebrochen, bevor überhaupt das eigentliche Tatgeschehen zur Sprache gekommen sei. Der Angeklagte habe daraufhin erklärt, er habe ohnehin lediglich ein "Gefälligkeitsgeständnis" ablegen wollen, und er wünsche nicht, daß seine falschen Angaben protokolliert würden.
Soweit dem Angeklagten später bei der am 27.06.1997 durch den Zeugen KHK Conle durchgeführten weiteren Vernehmung eine angeblich vom Angeklagten gegenüber KOK Kühner am 13.05.1997 abgegebene Tatschilderung vorgehalten worden ist, beruht dieser Vorhalt durch KHK Conle nach Überzeugung des Schwurgerichts auf einem Mißverständnis auf Seiten des Zeugen KHK Conle. Denn der Zeuge KOK Kühner hat in der Hauptverhandlung absolut glaubhaft bekundet, daß der Angeklagte ihm gegenüber bei dem ansatzweise abgelegten "Geständnis" vom 13.05.1997 keine Angaben zum eigentlichen Tathergang gemacht habe, da er, KOK Kühner, die Vernehmung wegen der in der Schilderung des Angeklagten aufgetretenen Widersprüche vorher abgebrochen habe.
Die Schwurgerichtskammer hat nicht darüber zu urteilen, ob ein solches Vorgehen des Vernehmungsbeamten - insbesondere der Abbruch der Vernehmung, ohne den Angeklagten bei seiner Darstellung überhaupt erst einmal zum eigentlichen Kemgeschehen der Tat vordringen zu lassen - aus ermittlungstaktischer Sicht sinnvoll ist. Fest steht jedenfalls aufgrund der Aussage des Zeugen KOK Kühner, daß die Kriminalpolizei selbst dieses am 13.05.1997 ansatzweise vom Angeklagten abgelegte "Geständnis" nicht für zutreffend gehalten hat. Schon deshalb hat auch die Kammer diesem sogenannten "Geständnis" des Angeklagten keine belastende Beweisbedeutung beigemessen, allerdings auch keine entlastende.
Ebensowenig hat es die Kammer als belastenden Umstand gewertet, daß der Angeklagte - wie er selbst eingeräumt hat - noch am 13.05.1997 nach seinem Rücktransport in die Justizvollzugsanstalt Heimsheim in seiner Zelle eine sogenannte Geständnisnotiz verfaßt hat. Dabei hat er auf einem Zettel, der anläßlich einer bei ihm am 02.06.1997 durchgeführten Zellendurchsuchung sichergestellt und dessen Text (Band III, AS 297) in der Hauptverhandlung am 12.01.1998 verlesen worden ist, folgendes wörtlich notiert:

Geständnis 13.05.1997

Hiermit erkläre ich
das ich alles
ohne wenn und
aber im Fall
And. Wö war.
Ich kann mich an
diesen Abend nicht
mehr erkennen
erinnern
ich hoffe auf ein schnelles
Urteil.
Mildernde Umstände

Der Grund war wahrscheinlich
mein 2 Jahre alter Sohn Kai.
Alles andere regelt mein Rechtsanwalt

H.Wörz

 

Ferner enthält dieser Zettel als einen an den Rand geschriebenen P.S-Vermerk folgenden Satz:

"ich will nur noch meine Ruhe".

Es ist zwar auffällig, daß der Angeklagte sich in dieser schriftlichen Notiz pauschal zu der Tat bekennt, obwohl er bis zum 13.05.1997 seine Täterschaft stets mit Nachdruck bestritten hat. Gleichwohl hat die Kammer auch dies nicht als ein belastendes Indiz gewertet. Die schriftliche "Geständnis"-Notiz des Angeklagten vom 13.05.1997 ist inhaltlich pauschal und enthält keinerlei konkrete Angaben zur eigentlichen Tat. Der Angeklagte hat bei späteren Vernehmungen im Ermittlungsverfahren wie auch in der Hauptverhandlung stets angegeben, er habe bei seiner polizeilichen Vernehmung am 13.05.1997 und auch bei der Abfassung der Notiz in seiner Zelle am selben Tag, die im übrigen für seinen damaligen Verteidiger bestimmt gewesen sei, allein deshalb die Tat pauschal und zu Unrecht "gestanden", weil er endlich Ruhe vor den Ermittlungsbehörden habe haben wollen, wie er dies ja auch in dem "P. S.-Vermerk" auf dem von ihm geschriebenen Zettel zum Ausdruck gebracht habe. Ob diese Erklärung des Angeklagten der Wahrheit entspricht oder nicht, konnte die Schwurgerichtskammer letztlich nicht klären. Die Kammer hat jedenfalls dem inhaltsleeren "Geständnis" des Angeklagten eine diesen belastende Bedeutung nicht beigemessen. Auf der anderen Seite wird der Angeklagte hierdurch natürlich auch nicht entlastet.

Daß der Angeklagte sich durch eine angeblich auffällige Reaktion verdächtig gemacht hätte, als ihm am Abend des 29.04.1997 die in der am Tatort sichergestellten Tüte befindlichen Amphetamintütchen vorgelegt wurden, vermochte die Schwurgerichtskammer im Gegensatz zu den sachbearbeitenden Ermittlungsbeamten KOK Kühner und KHK Conle nicht zu erkennen.
Zum einen hat die Beweisaufnahme insoweit gerade nicht ergeben, daß der Angeklagte beim Vorzeigen dieser Amphetaminbeutelchen geäußert habe, er habe ein derartiges Tütchen schon einmal angefaßt, als ein Unbekannter es ihm im Lokal "Oberbayern" in Karlsruhe Monate zuvor vergeblich zum Kauf angeboten habe. Der Angeklagte hat vielmehr lediglich angegeben, ein solches Tütchen gesehen zu haben, als es ihm in dem genannten Lokal angeboten worden sei. Im übrigen vermochte die Kammer die von den ermittlungsführenden Kriminalbeamten gezogene Schlußfolgerung, der Angeklagte habe sich in "Erklärungsnot" befunden, weil er nicht habe ausschließen können, daß sich seine Fingerabdrücke auf den sichergestellten Amphetamintütchen befänden, nicht nachzuvollziehen. Aus den Reaktion des Angeklagten auf den Vorhalt der sichergestellten Amphetamintütchen aus der am Tatort aufgefundenen Plastiktüte und aus seiner hierzu abgegebenen Erklärung läßt sich nach Auffassung des Schwurgerichts weder Belastendes noch Entlastendes ableiten.

Schließlich bewertet die Kammer - anders als die sachbearbeitenden Kriminalbeamten KOK Kühner und KHK Conle - auch das Aussageverhalten des Angeklagten bei seiner polizeilichen Vernehmung am 06.05.1997 nicht als belastendes Indiz.
Die Zeugen KOK Kühner und KHK Conle haben insoweit ausgesagt, daß der Angeklagte bei dieser Vernehmung wörtlich geäußert habe:

"Ich frage mich sowieso schon die ganze Zeit, wie es sein kann, daß der Kai sich ruhig verhalten haben soll, wenn Wolfgang durch das Geschrei in der Einliegerwohnung aufgewacht sein soll".

Diese Aussage des Angeklagten - so die Zeugen KOK Kühner und KHK Conle weiter - sei ihnen deshalb besonders bemerkenswert erschienen, weil bei den Vernehmungen des Angeklagten bis zu diesem Zeitpunkt von einem "Geschrei" in der Tatortwohnung noch nie die Rede gewesen sei, weshalb der Angeklagte hier einen Punkt angesprochen habe, der nur dem Täter hätte bekannt sein können.
Diese Schlußfolgerung hat die Schwurgerichtskammer nicht überzeugt. Zum einen hat der Angeklagte zu Recht darauf hingewiesen, daß im Haftbefehl des Amtsgerichts Pforzheim vom 30.04.1997, den er natürlich gelesen habe, die Rede davon ist, daß Wolfgang Z. durch die durch den Kampf verursachten Geräusche aufgewacht sei. Vor allem aber hat der Zeuge KOK Kühner - wie er auf entsprechenden Vorhalt in der Hauptverhandlung glaubhaft eingeräumt hat - den Angeklagten bereits bei der von ihm durchgeführten Vernehmung am 30.04.1997, um dem Angeklagten quasi eine "Geständnisbrücke" zu bauen, mehrfach eindringlich gefragt, ob es nicht sein könne, daß in der Tatnacht im Anwesen zwischen ihm und Andrea Z. eine erregte verbale Auseinandersetzung stattgefunden habe, die dann eskaliert sei und ihn, den Angeklagten, zu dem Angriff auf Andrea Z. veranlaßt habe. Da der Zeuge KOK Kühner dem Angeklagten die Möglichkeit einer lautstark geführten verbalen Auseinandersetzung bei der Vernehmung am 30.04.1997 bereits mehrfach vorgehalten hatte, ist der Schluß, der Angeklagte habe, als er bei seiner Vernehmung am 06.05.1997 das "Geschrei" erwähnt habe, Täterwissen preisgegeben, nicht gerechtfertigt. Die Kammer hat diesen Schluß jedenfalls nicht gezogen.

 

Daß der Angeklagte, als er im Schlafzimmer des Tatortanwesens den Wollschal um den Hals von Andrea Z. schlang und zusammenzog, mit Tötungsabsicht handelte, ergibt sich nach Überzeugung des Schwurgerichts mit Sicherheit aus dem festgestellten objektiven Tatgeschehen. Die Vorgehensweise des Angeklagten - das feste, kraftvolle mindestens 3 Minuten andauernde Zusammenschnüren des um den Hals des Opfers gelegten Wollschals bis zu dessen Bewußtlosigkeit - läßt nur den Schluß zu, daß es dem Angeklagten darauf ankam, Andrea Z. zu töten. Ein anderes Handlungsziel schließt die Schwurgerichtskammer aus.

Zugunsten des Angeklagten ist die Kammer aber davon ausgegangen, daß der Angeklagte, als er in der Tatnacht in das Anwesen eindrang, noch nicht vorhatte, seine Ehefrau zu töten, sondern daß er den Tötungsvorsatz erst gefaßt hat, nachdem Andrea Z. in ihrem Bett aufgewacht war, den Angeklagten erkannt hatte und es zwischen ihr und dem Angeklagten zu einer verbalen Auseinandersetzung gekommen war. Dafür spricht zum einen der Umstand, daß der Zeuge Rudolf K. die von dem Angeklagten und von Andrea Z. gesprochenen Sätze bereits gegen 2.16 Uhr gehört hat, während der Zeuge Wolfgang Z. die "Poltergeräusche" aus der Erdgeschoßwohnung, die nicht ausschließbar durch ein andauerndes Kampfgeschehen verursacht worden sind, erst um 2.34 Uhr wahrgenommen hat. Dies bedeutet - unter Zugrundelegung einer 3-5-minütigen Dauer des Drosselungsangriffs -, daß eine Zeitspanne von 13 bis 15 Minuten verbleibt, innerhalb derer die verbale Auseinandersetzung zwischen dem Angeklagten und Andrea Z. angedauert haben kann. Der Angeklagte kann daher den Tötungsentschluß möglicherweise erst am Ende dieses verbalen Streits - also in der Zeit zwischen 2.29 Uhr und 2.31 Uhr - gefaßt haben. Im übrigen spricht auch die Tatsache, daß der Angeklagte einen im Tatortanwesen vorgefundenen Wollschal und nicht etwa ein von ihm mitgebrachtes Tatmittel als Strangulationswerkzeug verwendet hat, dafür, daß er nicht von vornherein die Tötung seiner Ehefrau beabsichtigt, sondern sich erst im Schlafzimmer des Anwesens hierzu entschlossen hat.

Die Beweisaufnahme hat eindeutig ergeben, daß der Angeklagte zum Zeitpunkt der Beendigung des Drosselungsangriffs vom Eintreten des Erstickungstodes bei Andrea Z. ausging. Andrea Z. war im Verlauf des mindestens 3 Minuten andauernden Drosselungsangriffs bewußtlos geworden und lag reglos auf dem Fußboden. Daß der Angeklagte angesichts dieser von ihm erkannten Situation um die sehr naheliegende Möglichkeit gewußt hat, seine Ehefrau werde ersticken, ist nicht zweifelhaft. Jede andere Beurteilung durch den Angeklagten schließt die Schwurgerichtskammer aus.

 

Es konnte in der Hauptverhandlung letztlich nicht sicher festgestellt werden, mit welcher Zielsetzung der Angeklagte in der Tatnacht in das Anwesen eingedrungen ist und welches Motiv den Angeklagten dann zu seinem Tötungsangriff auf Andrea Z. bewogen hat.
Daß der Angeklagte nicht quasi "in guter Absicht" - etwa um mit Andrea Z. ein Gespräch zu führen - in das Haus gekommen ist, liegt auf der Hand. Denn er ist mitten in der Nacht unter Verwendung eines in seinem Besitz befindlichen Schlüssels heimlich in das Anwesen eingedrungen. Was das Ziel dieses heimlichen Eindringens war, was der Angeklagte also vorhatte, konnte nicht aufgeklärt werden. Die Annahme, der Angeklagte habe das von ihm in der Plastiktüte mitgeführte Amphetamin seiner Ehefrau "unterschieben" wollen, um dann nach einer von ihm "inszenierten" Aufdeckung eines Betäubungsmittelbesitzes seiner Frau eine für ihn günstige Grundlage im Rahmen der im Scheidungsverfahren anstehenden Sorgerechts- und Umgangsrechtsentscheidung in Bezug auf seinen Sohn zu schaffen, erscheint zwar nicht fernliegend; eine solche Annahme reicht jedoch über den Bereich einer begründeten Vermutung nicht hinaus.

Ebenso offengeblieben ist letztlich die Frage, welcher konkrete Beweggrund den Angeklagten veranlaßt hat, seine Frau in Tötungsabsicht anzugreifen. Die zur Tatzeit zwischen den Eheleuten Wörz noch ungeklärt gewesene Streitfrage eines vom Angeklagten gewünschten erweiterten Umgangsrechts hinsichtlich seines Sohnes Kai, das Andrea Z. bis dato abgelehnt hatte, wäre zwar als mögliches Motiv denkbar. Objektive Beweisumstände, die belegt hätten, daß der Angeklagte wegen der von seiner Frau hinsichtlich der Erweiterung des Umgangsrechts eingenommenen ablehnenden Haltung etwa Haßgefühle auf Andrea Z. gehabt habe, sind jedoch in der Beweisaufnahme nicht zutage getreten. Sämtliche hierzu in der Hauptverhandlung vernommenen Zeugen aus dem persönlichen Umfeld des Angeklagten haben zwar bestätigt, daß der Angeklagte seinen kleinen Sohn innig geliebt habe. Sie haben allerdings ebenso glaubhaft bekundet, daß der Angeklagte - soweit sie mit ihm darüber geredet hätten - bei Gesprächen über das anhängige Scheidungsverfahren, insbesondere über die streitige Frage der Sorgerechts- und Umgangsrechtsregelung - keinerlei auffällige Emotionen gezeigt habe. So hat auch die Zeugin Ulrike Wetzel, die den Angeklagten als Rechtsanwältin in dem anhängigen Scheidungsverfahren vertrat und bei der der Angeklagte noch am 28.04.1997 um 17.00 Uhr einen Besprechungstermin wahrgenommen hatte, in der Hauptverhandlung glaubhaft bekundet, daß mit dem Angeklagten bei diesem Gespräch in ihrer Kanzlei die Frage erörtert worden sei, wie das von ihm gewünschte erweiterte Umgangsrecht gerichtlich durchgesetzt werden könne. Diese Frage sei in völlig ruhiger und sachlicher Atmosphäre besprochen worden. Der Angeklagte habe sich mit ihrem Vorschlag, die Erweiterung des Umgangsrechts im familiengerichtlichen Hauptverfahren anzustreben, einverstanden erklärt. Daß er über die Weigerung seiner Frau, den Sohn Kai gelegentlich auch einmal bei ihm übernachten zu lassen, in besonderem Maße verärgert oder gar verbittert gewesen sei, habe sie, die Zeugin, nicht feststellen können.
Auch der Zeuge Guido K., der mit dem Angeklagten am 28.04.1997 zwischen ca. 17.45 Uhr und 19.30 Uhr zusammen war, hat in der Hauptverhandlung glaubhaft ausgesagt, daß er, der Zeuge, der damals selbst "in Scheidung" gelebt habe, an diesem Abend mit dem Angeklagten beiläufig über sein Scheidungsverfahren und die Umgangsrechtsregelung gesprochen habe. Der Angeklagte habe dabei auf ihn einen völlig ruhigen und sachlichen Eindruck gemacht und keineswegs in irgendeiner Weise etwa emotional "aufgewühlt" gewirkt.
Die Kammer vermochte nach alledem in dem zur Tatzeit bestehenden, noch offenen Konfliktpunkt zwischen den Eheleuten Wörz hinsichtlich der Regelung des Umgangsrechts des Angeklagten für seinen Sohn Kai ein Motiv für den Tötungsangriff nicht zu erkennen.

Erwogen hat die Kammer schließlich auch die Frage, ob der Angeklagte etwa aus Eifersucht, Haß oder Verbitterung über die von seiner Frau vollzogene Trennung zu der Tat veranlaßt worden ist. Aber auch für die Annahme eines solchen Motivs oder Motivbündels haben sich in der Hauptverhandlung keine tragfähigen Anhaltspunkte ergeben. Der Umstand, daß die Trennung der Eheleute schon über ein Jahr zurücklag und der Angeklagte nach der glaubhaften Aussage der Zeugin Claudia F. mit ihr seit Sommer 1996 eine Liebesbeziehung hatte, sprach eher gegen einen derartigen Beweggrund.
Die Frage nach dem Grund für den Tötungsangriff des Angeklagten auf seine Ehefrau konnte nach alledem nicht geklärt werden.

 

Außer Frage stand für das Schwurgericht die volle strafrechtliche Verantwortlichkeit des Angeklagten zur Tatzeit. Bei Begehung der Tat waren weder die Einsichtsfähigkeit noch das Hemmungsvermögen des Angeklagten in erheblichem Umfang beeinträchtigt.

Der Sachverständige Dr. Splitthoff, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Chefarzt der Abteilung Forensische Psychiatrie des Psychiatrischen Zentrums Nordbaden (Wiesloch), der den Angeklagten am 09.01.1998 in der Justizvollzugsanstalt Karlsruhe ausführlich psychiatrisch exploriert hat, hat in der Hauptverhandlung überzeugend dargelegt, daß der Angeklagte keinerlei psychische Erkrankung aufweise. Für eine endogene oder exogene Psychose gebe es keine Anzeichen. Schwachsinn sei bei dem Angeklagten, dessen Intelligenz im Durchschnitt liege, mit Sicherheit auszuschließen. Der Angeklagte verfüge über die Fähigkeit zu differenzierten zwischenmenschlichen Beziehungen und weise eine kontrollierte, beherrschte und emotional eher zurückhaltende Persönlichkeitsstruktur auf. Eine schwere neurotische Fehlhaltung oder eine andere Persönlichkeitsstörung seien auch nicht ansatzweise feststellbar gewesen. Schließlich hätten sich weder während der ausführlichen Exploration des - die Tat allerdings bestreitenden - Angeklagten noch im Verlauf der Hauptverhandlung - die Täterschaft des Angeklagten unterstellt - irgendwelche konkreten Anhaltspunkte für eine tiefgreifende Bewußtseinsstörung zum Tatzeitpunkt ergeben. Insgesamt sei eine erhebliche Beeinträchtigung der Schuldfähigkeit des Angeklagten bei Begehung der Tat aus psychiatrischer Sicht auszuschließen.

Ausgehend von diesen überzeugenden gutachterlichen Darlegungen des psychiatrischen Sachverständigen Dr. Splitthoff steht für die Schwurgerichtskammer die uneingeschränkte strafrechtliche Verantwortlichkeit des Angeklagten zur Tatzeit fest. Für das Vorliegen einer das Hemmungsvermögen des Angeklagten erheblich beeinträchtigenden tiefgreifenden Bewußtseinsstörung existieren keine zureichenden Anhaltspunkte. Die dem Tatgeschehen vorausgegangenen Äußerungen des Angeklagten gegenüber dem Opfer sprechen zwar für eine gewisse affektive Erregung des Angeklagten, rechtfertigen jedoch nicht die Annahme eines hochgradigen Affekts. Vielmehr spricht das auf Verdeckung der Tat gerichtete Nachtatverhalten des Angeklagten - das Versperren des Zugangs für den Zeugen Wolfgang Z. zur Erdgeschoßwohnung, als dieser für den Angeklagten überraschend erschien, das Sich-Entledigen des Eingangsschlüssels zur Einliegerwohnung und der bei der Tat getragenen Einweghandschuhe, das unauffällige Verharren in seiner Wohnung bis zur Festnahme am Morgen des 29.04.1997 - nach Überzeugung der Schwurgerichtskammer gegen einen schuldmindernden Affekt im Sinne des § 21 StGB.

 

Die Feststellungen zu den gravierenden gesundheitlichen Schäden, die Andrea Z. erlitten hat, beruhen auf den überzeugenden Gutachten der in der Hauptverhandlung vernommenen Sachverständigen Dr. med. Kary, der Andrea Z. in der Zeit vom 30.04.1997 bis 10.06.1997 im Städtischen Klinikum Pforzheim behandelt hat, und Dr. med. Edeltraud Herb, die als Fachärztin für Neurologie und Oberärztin im Rehabilitationszentrum Karlsbad-Langensteinbach Andrea Z. seit 11.09.1997 als behandelnde Ärztin betreut. Insbesondere aufgrund der gutachterlichen Darlegungen der Sachverständigen Dr. Herb steht fest, daß die medizinische Prognose für Andrea Wörz nicht günstig ist. Andrea Z. wird ihr Leben lang ein "Pflegefall" bleiben. Ob je eine wirklich gravierende Verbesserung ihres Zustands eintreten wird, ist völlig unabsehbar, allerdings wenig wahrscheinlich.
Darüber hinaus hat sich die Kammer durch die Inaugenscheinnahme von Videoaufzeichnungen selbst ein Bild vom Gesundheitszustand des Opfers gemacht. Diese Videoaufzeichnungen zeigen Andrea Z. am 09.06.1997 während ihres stationären Aufenthalts im Städtischen Klinikum Pforzheim und am 07.08. und am 14.08.1997 während ihrer Unterbringung im Neurologischen Fach-und Rehabilitationskrankenhaus Allensbach (Klinik Schmieder). Aus den Video-und Tonaufzeichnungen ergab sich die Tragik des damaligen Gesundheitszustands von Andrea Z., ihre Unfähigkeit zu sprachlicher Artikulation, zu selbständigem Sitzen, Stehen oder gar Gehen wie überhaupt zu jedweder feinmotorischen Bewegung und ihre auf das äußerste eingeschränkte Reaktionsmöglichkeit auf eine Ansprache durch ihre sie betreuenden engsten Familienangehörigen.

 

IV.

Die rechtliche Würdigung des unter II. festgestellten Sachverhalts ergibt, daß der Angeklagte

nach seiner Vorstellung von der Tat unmittelbar dazu angesetzt hat, einen Menschen zu töten ohne Mörder zu sein.

Der Angeklagte hat sich damit eines Verbrechens des versuchten Totschlags, strafbar gemäß §§ 212 Abs. 1, 22 StGB, schuldig gemacht.

Ein strafbefreiender Rücktritt vom beendeten Totschlagsversuch scheidet - unabhängig vom Umstand der fehlenden Freiwilligkeit - schon deshalb aus, weil der Angeklagte sich in keiner Weise darum bemüht hat, den Eintritt des Erfolgs zu verhindern.

 

V.

Im Rahmen der Strafzumessung kam die Annahme eines minder schweren Falles des versuchten Totschlags gemäß § 213 StGB nicht in Betracht.
Der Angeklagte ist nicht ohne eigene Schuld durch eine ihm zugefügte Mißhandlung oder schwere Beleidigung von Andrea Z. zum Zorn gereizt und hierdurch auf der Stelle zur Tat hingerissen worden. Für die Annahme einer Provokation des Angeklagten durch das Opfer haben sich in der Hauptverhandlung nicht die geringsten Anhaltspunkte ergeben. Selbst wenn Andrea Z., was nicht fernliegt, ungehalten auf das überraschende nächtliche Eindringen des Angeklagten in ihr Schlafzimmer reagiert und ihrer Verärgerung darüber auch verbal Ausdruck verliehen haben sollte, so ist zu berücksichtigen, daß der Angeklagte eine solche Reaktion durch sein Verhalten selbst verschuldet hätte. Denn er ist es gewesen, der mitten in der Nacht heimlich in die Wohnung von Andrea Z. eingedrungen ist und sie in ihrem Schlafzimmer überrascht hat. Im übrigen ergibt sich aus den von dem Zeugen Rudolf K. wahrgenommenen Fragmenten der Auseinandersetzung zwischen dem Angeklagten und Andrea Z., daß es der Angeklagte und nicht Andrea Z. war, von dem die Aggression ausgegangen ist.
Ein "sonst minder schwerer" Fall des (versuchten) Totschlags im Sinne des § 213 StGB lag ebenfalls nicht vor. Bei der in diesem Zusammenhang vorzunehmenden Gesamtbewertung hat das Schwurgericht zwar gesehen, daß schon der Umstand, daß die Tat nicht über das Versuchsstadium hinausgelangt ist, einen minder schweren Fall im Sinne des § 213 StGB begründen kann. Es wurde zugunsten des Angeklagten auch berücksichtigt, daß er bislang nicht vorbestraft ist und als Erstverbüßer im Strafvollzug eine hohe Strafempfindlichkeit aufweist. Das Schwurgericht hat ferner gesehen, daß es sich bei dem Tötungsangriff des Angeklagten nicht um eine vorgeplante Tat gehandelt hat, sondern daß der Angeklagte den eigentlichen Entschluß zur Tötung seiner Frau erst gefaßt hat, nachdem es zwischen ihm und Andrea Z. in ihrem Schlafzimmer zu einem Streit gekommen war.
Diese für den Angeklagten sprechenden Umstände rechtfertigen jedoch nicht die Annahme eines minder schweren Falles des (versuchten) Totschlags. Der Angeklagte ist mitten in der Nacht heimlich in das von seiner Ehefrau bewohnte Haus eingedrungen und hat sie im Schlaf überrascht. Nach kurzer verbaler Auseinandersetzung hat er sie in Anwesenheit des gemeinsamen kleinen Sohnes angegriffen und sie dann über einen "Zeitraum von mindestens 3 Minuten hinweg mit großer Kraft bis zur Bewußtlosigkeit gewürgt, ein Verhalten, welches eine sehr hohe kriminelle Energie offenbart. Daß Andrea Z. bei dem Drosselungsangriff des Angeklagten nicht zu Tode kam, ist allein dem zufälligen Dazwischentreten von Wolfgang Z. zu verdanken, dem es gelungen ist, seine Tochter noch rechtzeitig von dem Strangulationswerkzeug zu befreien und ärztliche Hilfe herbeizurufen. Aber auch die schrecklichen Folgen der Tat sprachen gegen die Annahme eines minder schweren Falles im Sinne von § 213 StGB. Andrea Z. ist gesundheitlich auf das schwerste beeinträchtigt. Sie kann weder sprechen noch gehen, ja sie ist nicht einmal mehr zu irgendwelchen feinmotorischen Bewegungen in der Lage. Ob hier in Zukunft Verbesserungen eintreten werden, ist völlig ungewiß und wenig wahrscheinlich. Jedenfalls wird Andrea Z. ein Leben lang ein "Pflegefall" bleiben.

Bei umfassender Gesamtbewertung all dieser Umstände auch unter Berücksichtigung der subjektiven Momente und der Persönlichkeit des Angeklagten vermochte das Schwurgericht in keiner Weise zu erkennen, daß das Unrecht des versuchten Tötungsverbrechens oder die Schuld des Angeklagten so erheblich vom Normalfall des (versuchten) Totschlags nach unten abweicht, daß die Anwendung des Strafrahmens des § 213 StGB geboten gewesen wäre.

Nach alledem war von dem in § 212 Abs. 1 StGB vorgegebenen Strafrahmen von 5 Jahren bis zu 15 Jahren Freiheitsstrafe auszugehen.
Von der in § 23 Abs. 2 StGB vorgesehenen Milderungsmöglichkeit hat das Schwurgericht keinen Gebrauch gemacht. Die Gesamtschau aller Tatumstände rechtfertigt im vorliegenden Fall die Milderung im Sinne des § 49 Abs. 1 StGB, d.h. die Wahl eines niedrigeren Strafrahmens, nicht. Trotz der bereits aufgezeigten für den Angeklagten sprechenden Umstände stand einer Versuchsmilderung entgegen, daß es nur dem Eingreifen Wolfgang Z. zu verdanken ist, daß die Tat nicht vollendet worden ist. Ohne dessen Erste-Hilfe-Leistung und das von ihm veranlaßte rasche Eingreifen des Notarztes wäre Andrea Z. gestorben. Gegen die Milderungsmöglichkeit sprach weiterhin, daß bei Andrea Z. schwerstwiegende gesundheitliche Dauerschäden verursacht worden sind, die sie in ihrer Lebensgestaltung für immer gravierend einschränken werden. Diese vom Angeklagten verschuldeten Auswirkungen der Tat ließen nach Auffassung der Schwurgerichtskammer die Anwendung der in § 23 Abs. 2 (i.V.m. § 49 Abs. 1) StGB vorgesehenen Milderungsmöglichkeit nicht gerechtfertigt erscheinen.

Innerhalb des somit zur Verfügung stehenden Strafrahmens des § 212 Abs. 1 StGB -Freiheitsstrafe von 5 Jahren bis zu 15 Jahren - ließ sich das Schwurgericht bei der Bemessung der festzusetzenden Strafe im wesentlichen von folgenden Erwägungen leiten:

Strafmildernd fiel ins Gewicht, daß der Angeklagte nicht vorbestraft ist und bislang ein sozial völlig angepaßtes Leben geführt hat. Er befindet sich erstmals in Haft und ist in hohem Maße strafempfindlich. Für den Angeklagten sprach ferner, daß er den Drosselungsangriff auf seine Ehefrau ohne Vorplanung aufgrund eines erst im Schlafzimmer von Andrea Z. gefaßten Tatentschlusses beging. Die Kammer hat dem Angeklagten dabei auch zugutegehalten, daß er sich zur Tötung seiner Ehefrau möglicherweise aufgrund einer gewissen affektiven Erregung entschlossen hat, die sich im Zuge der verbalen Auseinandersetzung mit seiner Frau aufgebaut hat.

Strafschärfend fand demgegenüber die hohe kriminelle Energie Berücksichtigung, mit der der Angeklagte gehandelt hat. Er hat seine Frau in Anwesenheit des gemeinsamen Sohnes brutal mindestens 3 Minuten lang mit dem Wollschall gedrosselt, bis sie zusammenbrach und das Bewußtsein verlor. Straferschwerend mußten sich schließlich die äußerst schwerwiegenden, vom Angeklagten verschuldeten gesundheitlichen Folgen der Tat für Andrea Z. auswirken. Durch die Tat des Angeklagten ist Andrea Z. zu einem lebenslangen "Pflegefall" geworden.

Unter Abwägung aller für und gegen den Angeklagten sprechenden Umstände erachtete das Schwurgericht die Verhängung

der Freiheitsstrafe von 11 Jahren

für erforderlich, aber auch für ausreichend, um die Schuld des Angeklagten angemessen zu sühnen.

 

Richter Hoefer, Landgericht Karlsruhe

 

 

Was alles über die Indizien ausgesagt und "ermittelt" wurde, könnt Ihr in dem dazugehörigen Link lesen. Da es während den Ermittlungen zu sehr vielen gegensätzlichen Aussagen der Zeugen kam, ist der Link "Indizien" mit Sicherheit einer der interessantesten!